Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 03.08.2018


Literatur

Zeichnungen, die man laut lesen muss

Konsumkritik mit Knalleffekt: Mit seiner Comic-Adaption des einstigen Skandalstücks „Rozznjogd“ erweist sich der große Zeichner Gerhard Haderer als genauer Leser von Peter Turrini.

© Einander zänkisch zugetan: „Er“ und „Sie“ kommen sich umgeben vom Abfall des Wohlstands näher. Ein gutes Ende – so viel darf verraten werden – nimmt die Liaison nicht.Illustration: Haderer/Haymon Verlag



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Was war das für ein Skandal. Damals 1971. Im Wiener Volkstheater kam Peter Turrinis erstes Stück zur Uraufführung: „Rozznjogd“. Die Handlung ist schnell erzählt: „Er“ und „Sie“ kennen sich flüchtig aus dem Betrieb. Auf dem Schrottplatz wollen sie sich ein bisschen beschnuppern. Erotisch. „Er“ erschießt eine Ratte – und findet das mindestens so männlich wie sein Auto. „Sie“ hat sich eigentlich für ein Rendezvous herausgeputzt, ist etwas irritiert – und macht trotzdem mit. Letztlich entsorgen sie, also „Sie“ und „Er“, alles, was sie, also „Ihn“ und „Sie“, ankotzt oder ihr Dasein in ein Korsett zwängt. Turrini nannte „Rozznjogd“ ein Wutstück.

Und die Wut, die sich auf der Bühne Bahn brach, wurde aus dem Publikumsraum zurückgeschleudert. „Auspeitschen sollte man Sie!“, empfah­l ein zürnender Wutbürger dem jungen Autor vom Parkett aus. Jubel war nur von der Galerie zu vernehmen. Von den billigen Plätzen.

Seither mauserte sich „Rozznjogd“ zum vielgespielten Klassiker eines neuen, grimmig gesellschafts- und kapitalismuskritischen Volkstheaters. Und Turrini mauserte vom „angry young man“ der neueren österreichischen Dramatik ohne verwitzelten Weichzeichner zum hochgeachteten Großschriftsteller.

Nun hat sich der große, im besten Sinne ungehorsame Zeichner Gerhard Haderer der „Rozznjogd“ angenommen. Seine Umsetzung ist mehr als eine Wiederbegegnung. Und auch als Verneigung vor der Kraft von Turrinis Stück ist „Rozznjogd“ als Graphic Novel unzureichend beschrieben. Vielmehr hat Haderer gewissermaßen eine von allen Bühnen- und Budgetbegrenzungen losgelöste Neuinszenierung des Stoffes zu Papier gebracht. Mit feinstem Strich arbeitet er sich am Groben ab – und beweist großer Liebe zum bisweilen abseitigen Detail. Wunderbar ist schon allein das quasi filmische Spiel mit Perspektiven, wenn das Beinahe-Pärchen anfängt, sich seines eh bescheidenen Wohlstandballasts zu entledigen: Froschperspektive – Schnitt – Vogelperspektive – Detailaufnahme – Schnitt – Totale. Trotzdem werden die einzelnen Panels von den apokalyptischen Müllbergen geprägt, die die beiden Protagonisten – mal zänkisch entzweit, dann wieder neckisch einander zugetan – umgeben. Und spätestens, wenn Haderer auf einer ganzen Seite sich anbahnenden Beischlaf auffächert zum barocken Wimmel- und Fummelbild, wirkt die „Rozznjogd“ wie eine von modischen Mätzchen bereinigte Variante von Michelangelo Antonionis „Zabrizkie Point“. Auch dieser Klassiker konsumkritischen Kinos endet übrigens mit einem kräftigen Knalleffekt.

Turrinis Vorlage bleibt Haderer in seiner Umsetzung weitestgehend treu – als Zugeständnis an in der Wiener Mundart ungeübte Leser wird die hochsprachliche Übertragung des Gesagten mitgeliefert. Bisweilen scheint sie nötig. Außer man wagt es, die Abrechnung mit allen Äußerlichkeiten, laut zu lesen. Dann erschließt sich auch Nicht-Wienern die poetische Wucht des Textes. Ein Comic, das man liebsten laut vortragen möchte. Auch damit dürfte Haderer ein neues Genre begründet haben. Und laut gelesen wird „Rozznjogd“ von Turrini und Haderer tatsächlich.

Am 7. September präsentieren sie den Band auf Schloss Ambras. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

Comic Peter Turrini: Rozznjogd. Gezeichnet von Gerhard Haderer. Haymo­n, 224 Seiten, 24,90 Euro.