Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 27.08.2018


Literatur

Als der kalte Sommer heiß wurde

Gianrico Carofiglio legt mit seinem neuen Roman “Kalter Sommer“ einen spannenden und an manchen Stellen spektakulären Plott über die Mafia-Geschehen in Süditalien Anfang der 1990-er Jahre vor.

Gianrico Carofiglio war Anti-Mafia-Staatsanwalt, saß im Parlament und schreibt Bestseller. <span class="TT11_Fotohinweis">Foto: AFP/Monteforte</span>

© AFPGianrico Carofiglio war Anti-Mafia-Staatsanwalt, saß im Parlament und schreibt Bestseller. Foto: AFP/Monteforte



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der Sommer 1992 war kalt. Kalt und verregnet. Jedenfalls für süditalienische Verhältnisse. Seinen Weg in die Standardwerke zur jüngeren Geschichte hätte er deshalb allerdings kaum gefunden. Dort wird der Sommer 1992 als „freddo“, also kalt, geführt, weil er besonders heiß war: Bereits im Mai 1992 fiel der italienische Anti-Mafia-Staatsanwalt Giovanni Falcone einem Sprengstoffattentat zum Opfer. Gut zwei Monate später explodierte der Wagen von Falcones Kollegen und engstem Vertrauten, Paolo Borsellino. Die Folge war eine ausgemachte Staatskrise. Auch, weil selbst die unverbesserlichsten Schönredner nicht mehr so tun konnten, als gäbe es sie gar nicht, die Mafia.

Auch Gianrico Carofiglio arbeitete im Sommer 1992 als Anti-Mafia-Staatsanwalt. Allerdings nicht auf Sizilien, wo die Attentate stattfanden, sondern in Apulien. Dort – im verregneten Bari des Jahres 1992 – hat er seinen neuen Roman „Kalter Sommer“ angesiedelt. Es ist das erste Mal, dass Caro­figlio, seit Jahren einer der maßgeblichen italienischen Krimiautoren, über die Mafia schreibt. Und wie er über sie schreibt. Auch in Bari herrschte Krieg, aber der Krieg zweier Clans, dem ein Kind grausam zum Opfer fällt, wird von den Nachrichten aus Sizilien überschattet. Carofiglios Ermittler, der aus dem Norden zugezogene Maresciallo Fenoglio, behält trotzdem die Ruhe. Er ist ein Fremdkörper im brodelnden Durcheinander: einer, der dicke, engbedruckte Bücher liest, keine Waffen mag und grundsätzliche Fragen erörtert. Fenoglio forscht sachlich, unaufgeregt, präzise. Und Carofiglio schreibt genauso. „Kalter Sommer“ ist kein Reißer – und trotzdem spannend. Der Plot ist durchkonstruiert, trotzdem zweifelt man nie an der Authentizität des Geschilderten. Im Zentrum des Romans steht das Verhör eines Kronzeugen. Allein wie Gianric­o Carofiglio dieses Aufeinandertreffen zweier Menschen, die der Lauf der Dinge auf die gleiche Seit­e gespült hat, inszeniert, ist spektakulär. Obwohl nichts Spektakuläres passiert. Geredet wird. Aber eben über das, was jahrelang nicht gesagt werden durfte.

Kriminalroman Gianrico Carofiglio: Kalter Sommer. Aus dem Italienischen von Verena v. Koskull. Goldmann, 350 Seiten, 20,60 Euro.

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