Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.09.2018


Literatur

Die Tiroler Bergwelt als literarische Bühne

Das neue Buch von Christine Zucchelli beschreibt die Wanderrouten von Schriftstellern.

© iStockphotoViele Autorinnen und Autoren finden in der Schönheit der Natur Inspiration für ihre schriftstellerische Arbeit.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – In der Tiroler Bergwelt unterwegs zu sein, ist zu jeder Jahreszeit ein besonderes Erlebnis. Wer es auf einen Gipfel geschafft hat, wird fast immer mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Für viele Menschen stellt Bergsteigen vor allem eine sportliche Herausforderung dar: je höher das Ziel, desto besser. Andere wiederum bevorzugen moderate Genusswanderungen durch das satte Grün der Wiesen und Wälder.

Die Vielfalt der Tiroler Berge wurde bereits im 18. und 19. Jahrhundert entdeckt. Zunächst waren es ausschließlich männliche Abenteurer, die sich unter Einsatz ihres Lebens in gänzlich unberührte Gegenden vorwagten. Viele von ihnen waren Priester oder Naturwissenschafter. Sie sammelten Pflanzen und erforschten die Fauna und Flora der Gebirge.

Schließlich begannen sich auch Schriftsteller für die alpine Welt zu interessieren. Sie schrieben in ihren Reiseberichten ihre Beobachtungen der Tiroler Landschaft nieder.

Gewiss, der prominenteste unter ihnen war Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), der in seiner „Italienischen Reise“ von 1786 auch die Tiroler Landschaft erwähnt. Goethe reiste von Mittenwald über Seefeld nach Innsbruck, und er zeigte sich durchaus beeindruckt von der Martinswand, die er als eine „ungeheure Kalkwand“ beschrieb. Auch war er fasziniert von den wechselnden Wetterverhältnissen in den Bergen, die „bald von Nebel umzogen, von stürmenden Wolken umsaust, von Regenstrichen gepeitscht und mit Schnee bedeckt“ waren.

Tirol wurde anfänglich nicht von Einheimischen beschrieben, sondern von begeisterten „Touristen“. Der Bayer Ludwig Steub (1812–1888) etwa gilt als „literarischer Entdecker“ Tirols. Sein Hauptwerk „Drei Sommer in Tirol“ (1846) avancierte zu einem Klassiker. Seine Schilderungen der Tiroler Ortschaften und ihren Menschen haben noch heute großen Unterhaltungswert und gelten darüber hinaus als wertvolle Zeitdokumente.

Welche Wanderrouten schlugen nun die Schriftstellerinnen und Schriftsteller der unterschiedlichsten Epochen ein bzw. inwiefern nützen auch die Schreibenden der Gegenwart die Tiroler Landschaft als Inspirationsquelle?

Die Ethnologin Christine Zucchelli stellt in ihrem neuen Buch „Wie tut ein wildes Wandern wohl“ (Rotpunktverlag) 22 Wanderrouten von Literaten aus verschiedenen Zeit­epochen vor. Zucchelli gelingt damit eine zauberhafte Entdeckungsreise in die Lebens- und Gedankenwelt von Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Wanderung Nr. 11 beispielsweise bewegt sich auf den Spuren des Schriftstellers Georg Trakl (1887–1914), der die warmen Sommertage für ein Bad im Lanser See nutzte und Spaziergänge durch das nahe gelegene Viller Moor unternahm. Diese Eindrücke der Naturlandschaft verarbeitete er auch in seinen Gedichten. Weniger begeistert vom Gebirge war der Schriftsteller Thomas Bernhard (1931–1989), der Tirol Mitte der 1950er-Jahren kennen lernte. Für ihn hatte die Bergwelt etwas Erdrückendes, so schrieb er: „Das Gebirge ist gegen die Menschen.“

Für viele zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter auch Felix Mitterer, ist die sagenumwobene Tiroler Bergwelt hingegen eine bedeutende Inspirationsquelle. Die Hohe Munde bei Telfs, Wanderung Nr. 6, wird bei Mitterer zu einer literarischen Bühne. In Wanderung 8 entdeckt die Schriftstellerin Barbara Aschenwald das Paznauntal. Die von ihr beschriebenen Naturereignisse, der Schneefall, aber auch die Sonnenstrahlen, passen zur psychischen Verfassung ihrer Figuren.

Auch für den Innsbrucker Schriftsteller Christoph W. Bauer ist das Unterwegssein in der Natur inspirierend. Das zeigt das abgedruckte Gedicht, bei dem das Erkunden der Außenwelt innere Prozesse in Gang bringt und damit auch neue literarische Perspektiven eröffnet. Sachbuch Christine Zucchelli: Wie tut ein wildes Wandern wohl. Rotpunktverlag, 336 Seiten, 29 Euro.