Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 15.09.2018


Literatur

Gefangen in gewichtigen Liebesnöten

Wolf Haas erzählt in seinem neuen Roman von unausgesprochener Liebe und vom Kampf gegen den inneren Schweinehund.

© APA/HERBERT PFARRHOFERDer österreichische Schriftsteller Wolf Haas wurde bereits dreimal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Foto: APA/Pfarrhofer



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Im soeben erschienenen Roman von Wolf Haas, „Junger Mann“ (Hoffmann und Campe), ist man positiv überrascht, weil ein männliches Wesen wie verrückt Kalorien zählt, um endlich das ersehnte Idealgewicht zu erreichen.

Haas entführt seine Lesenden in ein Dorf der 70er-Jahre, eine tinderfreie Zeit also, in der man der großen Liebe noch auf einer Tankstelle begegnen konnte. Seine Hauptfigur ist ein pubertierender Internatsschüler, der ordentlich ins Schwitzen gerät, wenn er mit seinem Rennrad die Straßen seines Dorfes abfährt und dabei versucht, sich zu fühlen wie ein Tour-de-France-Fahrer. Das Hauptthema dieses jungen Mannes, dessen Name den ganzen Roman hindurch nie verraten wird, ist das Abnehmen. Eine Radikalkur will er in den Sommerferien schaffen, denn er ist seit seiner Kindheit ein „dicker Wuzel“. Seine 93 kg lasten schwer auf seinen Schultern und drohen sein ohnehin schwach ausgeprägtes Selbstvertrauen gänzlich zu erdrücken. Also heißt es abspecken und Kalorien zählen, und das nach Möglichkeit so, dass „ums Verrecken“ keiner merkt, dass er eine Diät macht. In den Ferien jobbt der namenlose Held auf einer Tankstelle und wird dabei in seinem roten Shell-Mantel nicht selten für ein Mädchen gehalten. Diese Demütigung nimmt er gelassen hin, denn „der junge Mann“ gehört im Gegensatz zum kettenrauchenden Lkw-Fahrer „Tscho“ nicht zu den Coolen des Dorfes. Beim Tscho sitzt nämlich jeder Satz wie eine „Betonwatschn“. Immer wenn ihm eine „gewaltige“ Idee in den Sinn kommt, zieht er lässig den Rotz in der Nase hoch, denn Schnäuzen wird überbewertet.

Als der emsige Jüngling eines Tages die Fensterscheiben eines Autos freikratzt, offenbart sich dahinter seine Traumfrau, und das nicht zuletzt deshalb, weil Elsas Bluse im Gegensatz zu seinem Hemd an der richtigen Stelle spannt. Ungelegen kommt nur, dass Elsa ausgerechnet fix an den „Tscho“ vergeben ist. Elsa lässt sich aber keineswegs abwimmeln und überrumpelt den in sich gekehrten jungen Mann mit ihrem polternden Frohsinn. Sie begleitet ihn sogar in die Nervenheilanstalt, in der der Vater eine Alkoholentziehungskur machen muss. Elsa wird zu einem weiteren schwergewichtigen Projekt, denn die Lerneifrige lässt nicht locker und besteht auf geheimen Englisch-Nachhilfestunden.

Wolf Haas, Jahrgang 1960, erhielt dreimal den Deutschen Krimipreis. Der neue Roman ist nicht weniger spannungsgeladen, so gipfelt er in einem Roadtrip, dessen Ausgang bis zuletzt ungewiss bleibt. Haas’ Stärke liegt in seiner versierten Dialogführung, charmant verleiht er seiner Sprache dialektale Züge. Besonders geglückt sind die beschriebenen Englischstunden, in denen Elsa den Burschen in größte Verlegenheit stürzt, etwa weil sie ihn fragt „Do you love me“ und eigentlich wissen möchte, ob er über ihre mangelnden Sprachkenntnisse lacht. „Love“ (lieben) und „laugh“ (lachen) liegen gerade bei Wolf Haas sehr nahe beisammen, mindestens genauso nah wie die Liebessorgen von Frauen und Männern. Haas weist einmal mehr darauf hin, wie schwer es ist, Gefühle zu zeigen, ohne dabei der Angst zu erliegen, einen Gesichtsverlust zu erleiden.

Der Roman endet überraschend, und so stößt man mindestens genauso laut wie Elsa ein enttäuschtes „Geh“ aus. Noch viele Seiten lang hätte man es mit diesem reizenden, kalorienzählenden „jungen Mann“ ausgehalten.

R oman Wolf Haas: Junger Mann.Hoffmann und Campe, 240 Seiten, 22,70 Euro.




Kommentieren


Schlagworte