Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 10.10.2018


Österreichischer Buchpreis

„All die Nacht über uns“: Heimaten, die brüchig werden

Mit seinem Roman „All die Nacht über uns“ schaffte es der Imster Autor Gerhard Jäger auf die Shortlist für den Österreichischen Buchpreis.

© Fotodesign Bianca WagnerDer in Imst lebende Autor Gerhard Jäger setzt sich in seinem Roman „All die Nacht über uns“ mit dem Thema Flucht auseinander.Foto: Bianca Wagner



Innsbruck – Schon für sein äußerst erfolgreiches Romandebüt „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ war der ehemalige TT-Redakteur Gerhard Jäger für den Friedrich-Glauser-Krimipreis nominiert. Nun bugsiert ihn sein zweites Buch in die erste Liga der heimischen Schriftsteller: Mit „All die Nacht über uns“ hat es Jäger auf die Shortlist für den Österreichischen Buchpreis geschafft. Er konkurriert mit Josef Winkler („Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“), Milena Michiko Flasar („Herr Kato spielt Familie“), Heinrich Steinfest („Die Büglerin“) und Daniel Wisser („Die Königin der Berge“) um die heuer zum dritten Mal vergebene mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung. Die Preisverleihung findet am 5. November in Wien statt.

Mit „All die Nacht über uns“ habe Jäger einen Roman vorgelegt, „der einen lange nicht loslässt“, erklärte die Jury anlässlich der gestrigen Präsentation der Finalistenliste. Das zentrale Thema des Romans scheint dieser Tage allgegenwärtig. Es geht um Flucht. Trotzdem ist „All die Nacht über uns“ kein lauter, kein effekthascherischer Text. Jäger erzählt von einem Soldaten, der eine nicht näher verortete Außengrenze bewachen muss. Jedes Romankapitel entspricht einer Stunde seines nächtlichen Dienstes. Der namenlose Protagonist sinniert über seinen Auftrag, darüber, ob er, der den Schießbefehl hat, „seit alles anders geworden ist“ und sich „die Sicherheitslage verschärft hat“, tatsächlich schießen würde. Aber er denkt auch über das nach, was sein Leben aus der Bahn geworfen hat, einen tragischen Unfall, der ihm die Welt fremd werden ließ. Und er liest das Tagebuch seiner Großmutter: Auch sie war auf der Flucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie aus Pommern vertrieben. Hierfür verarbeitet Jäger die Erinnerungen der Imster Malerin Dietlinde Bonnlander.

Mit „All die Nacht über uns“ ist Gerhard Jäger ein leiser, aber eindrücklicher Roman über aktuelle Fragen gelungen. Er verhandelt die Ohnmacht des Einzelnen, enttarnt so manche Sorge als Vorurteil, wagt den Blick auf Heimaten, die brüchig werden – und schaut nach vorn auf eine Zukunft, in der man lieber nicht ankommen möchte. (jole)