Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 14.11.2018


Literatur

Italiens dunkle Geschichte

Francesca Melandri präsentiert ihren eindringlichen Jahrhundert- Roman „Alle, außer mir“ heute Abend im Innsbrucker Treibhaus.

Francesca Melandri wurde mit dem Roman „Eva schläft“ bekannt.

© imago stock&peopleFrancesca Melandri wurde mit dem Roman „Eva schläft“ bekannt.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Auch das Desinteresse der Justiz kann als Kränkung empfunden werden. Schließlich ist der Verzicht auf Verfolgung auch ein Nachweis dafür, dass man wohl doch nicht zu den wirklich Einflussreichen gehört. Die „Mani pulite“-Enthüllungen der frühen 1990er-Jahre hat Attilio Profeti unbeschadet – aber eben ziemlich enttäuscht – überstanden. In den Jahrzehnten davor hingegen hat er oft bewiesen, dass er die Verantwortung für sein alles andere als astreines Treiben nur allzu gerne delegierte. Dass er lang ein amouröses Doppelleben genoss etwa, könnte doch die heranwachsende Tochter Illaria seiner Ehefrau erklären. Und dass es da noch einen Sohn gibt, am besten auch gleich.

Illaria Profeti ist die Protagonistin von Francesca Melandris großem Roman „Alle, außer mir“; Attilio hingegen, dessen einigermaßen vermessenes Lebensmotto dem Buch seinen (deutschen) Titel gibt, ist das Zentrum des Buches. Er ist beinahe hundert, wenn die Handlung einsetzt, ein dementer Zausel, zerstreut und zornig. Und als Auskunftsperson gänzlich unbrauchbar. Dabei hätte Illaria, inzwischen Mitte vierzig und beseelt vom (Besser-)Wissen auf der richtigen Seite zu stehen, Fragen. Über Afrika zum Beispiel. Schließlich weisen beglaubigte Dokumente einen jungen Mann aus Äthiopien, der eines Morgens vor ihrer Tür stand, als Neffe aus.

Dem als „Abessinien-Abenteuer“ verharmlosten italienischen Kolonialkrieg in Ostafrika fielen zwischen 1935 und 1941 rund 700.000 Menschen zum Opfer. Die italienische Armee setzte systematisch Giftgas ein.
Dem als „Abessinien-Abenteuer“ verharmlosten italienischen Kolonialkrieg in Ostafrika fielen zwischen 1935 und 1941 rund 700.000 Menschen zum Opfer. Die italienische Armee setzte systematisch Giftgas ein.
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Mit diesem Kniff setzt Francesca Melandri, die sich zunächst als Drehbuchautorin einen Namen machte und seit ihrem Romandebüt „Eva schläft“ zu Italiens wichtigsten Schriftstellerinnen zählt, ihre gut geölte Erzählmaschine in Gang. „Alle, außer mir“ führt tief hinein in eines der dunkelsten Kapitel der italienischen Geschichte. Attilio, der Opportunist, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg zum Widerstandskämpfer erklärte, machte eifrig mit beim bis heute als „Abessinien-Abenteuer“ verharmlosten Kolonialfeldzug des faschistischen Italien in Ostafrika.

Dort wollte Benito Mussolini seinen Führerstaat als Weltmacht etablieren – und beweisen, dass manche Völker zum Sklaven, andere zum Herrscher gemacht sind. Gerade diese krude und von übelsten Exotismen begleitete Rassenideologie hat es auch Attilio angetan. Rund 700.000 Menschen fielen dem „Abenteuer“ allein in Abessinien, dem heutigen Äthiopien, zum Opfer. Von den italienischen Verbrechen in Somalia und Eritrea liegen bis heute kaum belastbare Zahlen vor. Die Frage der Verantwortung wurde – und wird – auch vom offiziellen Italien immer wieder wortreich aufgeschoben.

Dass Melandri sich diesem Thema widmet – als Erste seit Ennio Flaianos bis heute unerreichtem „Alles zu seiner Zeit“ (1947) –, macht „Alle, außer mir“ zu einem bedeutenden Buch. Aber die 1964 in Rom geborene Autorin geht noch einen Schritt weiter: Sie spiegelt historische Vergehen in die Gegenwart. Die neofaschistischen Parolen Matteo Salvinis, der lautstark und auch außerhalb Italiens eifrig beklatscht über neue Rassengesetze sinniert, sind allerdings in „Alle, außer mir“ noch Zukunftsmusik. Sein großes und letztlich einziges Thema – Geflüchtete – bestimmt aber bereits die politische Agenda. Was Flucht bedeutet, gestaltet Melandri in der Geschichte von Illarias äthiopischem Neffen eindringlich aus: Bevor er an der Wohnungstüre seiner Tante klingeln konnte, musste er die – auch hierzulande gern erwähnte – „Mittelmeerroute“ überleben. Davor wiederum saß Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti in einem libyschen Lager.

Melandri siedelt ihren Roman in den letzten Jahren der Ära Berlusconi an. Schon der selbsternannte „Cavaliere“ pflegte einen eigentümlichen Umgang mit dem italienischen Faschismus. Nicht dessen Verbrechen seien eine beklagenswerte Schande, sondern die Erinnerung daran.

Mit anderen Unrechtsregimen freilich hatte Berlusconi weniger Berührungsängste: In einem erzählerischen Kabinettstück erinnert Melandri an den Besuch von Muammar al-Gaddafi in Rom, der sich zur pompösen Staatsoperette auswuchs. Und schickt Illaria prompt mit einem Einflüsterer Berlusconis ins Bett. Selbst der Heldin bleibt in „Alle, außer mir“ kein dunkles Kapitel erspart.

Roman Francesca Melandri: Alle, außer mir. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Verlag Klaus Wagenbach, 604 Seiten; 26,80 Euro.