Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 17.11.2018


Literatur

Wenn die Lobrednerin selbst gelobt wird

Romanschriftsteller Norbert Gstrein erhielt den mit 12.000 Euro dotierten „Preis für künstlerisches Schaffen“ der Stadt Innsbruck.

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© Thomas Boehm / TT



Innsbruck – (Lese-)Freunde Norbert Gstreins können beruhigt sein: Der aus dem Ötztal stammende Schriftsteller wird das Schreiben nicht sein lassen. Zwar ist der 57-Jährige seit gestern Träger des „Preises für künstlerisches Schaffen 2018“, gestiftet von der Stadt Innsbruck und ergo überreicht von Kulturstadträtin Uschi Schwarzl. Doch, wie Gstrein es bei einer Feierstunde in der neuen Stadtbibliothek launig formulierte: „Das ist eine Freude in angenehmer Größe; dieser Preis ist nicht so bedeutungsschwer, als dass man nicht mehr weiterschreiben könnte, wie das nach dem Erhalt des Nobelpreises schon vorkam.“

Der in Hamburg lebende Tiroler bedankte sich bei den Steuerzahlern, aus deren Beiträgen die mit 12.000 Euro dotierte Würdigung finanziert wird. „Menschen arbeiten mit ihren Händen dafür, dass wir Autoren unserem Traum nachgehen dürfen“, sagte Gstrein.

Dem ließ er eine selbst adaptierte Definition seines Berufes folgen: „Ein Schriftsteller ist jemand, der ein Meisterwerk schreiben will.“ Weil man solch hohen Ansprüchen aber nur schwer genügen kann, folge in aller Regel stets ein weiteres Buch.

Gstreins bisher letztes Werk, der Roman „Die kommenden Jahre“ von 2018, beschäftigt sich, vor dem Hintergrund einer kriselnden Zweierbeziehung, mit der schier unaufhörlichen Debatte über Flüchtlinge. Gerade diese aktuellen Bezüge, neben ­Gstreins vorzüglichem Handwerk des Geschichtenerzählens und -bauens, hat die Jury überzeugt. Diese bestand aus den Literaturkritikerinnen Evelyne Polt-Heinzl und Sigrid Löffler sowie TT-Kulturredakteur Joachim Leitner.

Die Laudatio auf Gstrein hielt, auf Wunsch des Ausgezeichneten, die Tiroler Autorin Friederike Gösweiner. Ihr Romanerstling „Traurige Freiheit“ war im Jahr 2017 der Beitrag zur Innsbruck-Liest-Aktion“. Gösweiner bedankte sich bei Gstrein. Die Lektüre seiner Bücher habe sie im Beschluss bestärkt, selbst Romane zu schreiben. Das Berufsziel Journalistin verwarf sie. „Denn die Literatur ist die schönste Form der Erkenntnis“, zitierte Gösweiner Gstrein. Als „eine literarische Wahrheitssucherin“ sehe sie sich heute noch, wissend, dass diese Suche nie abgeschlossen sei.

Gstrein war das fast schon zu viel des Lobs. Er drehte den Spieß kurzerhand um und würdigte seinerseits Gösweiners Buch ausführlich.

„Wir haften nur schwach der Erdoberfläche an“, erinnerte Gstrein an die Endlichkeit von uns Erdlingen. Er rief dazu auf, einen pfleglichen Umgang mit den Mitmenschen zu suchen oder zumindest zu versuchen. (mark)