Letztes Update am Mi, 21.11.2018 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Wolf Haas im Interview: Liebe im vordigitalen Zeitalter

Der Schriftsteller Wolf Haas liest am Mittwochabend im Treibhaus. Ein Gespräch über seinen neuen Roman „Junger Mann“.

© ImagoWolf Haas (Jg. 1960) wurde bereits dreimal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.



Der Ich-Erzähler in Ihrem neuen Roman „Junger Mann“ (Hoffmann und Campe) arbeitet auf einer Tankstelle, und der 13-Jährige möchte im Sommer unbedingt abnehmen. Haben Sie auch schon einmal auf einer Tankstelle gearbeitet oder gar eine Diät gemacht?

Wolf Haas: Ja, ich habe fast meine gesamte Gymnasialzeit in den Sommerferien als Tankwart gearbeitet, und ich habe in diesem Alter auch eine Diät gemacht. Mein Protagonist hat allerdings 15 kg abgenommen, ich damals nur 13 kg. Diesen schriftstellerischen Freiraum habe ich mir gegönnt. (lacht)

Auf einer Tankstelle herrscht ein ziemliches Kommen und Gehen. Entspricht der Handlungsverlauf im Buch dann auch Ihren biografischen Erfahrungen?

Haas: Grundsätzlich handelt es sich um einen autobiografischen Roman, der viel aus meinem Leben erzählt, aber ich habe auch einiges erfunden. An einem Ort wie einer Tankstelle ist man immer mit einer sich verändernden Gesellschaft konfrontiert. Das finde ich reizvoll.

Sie schreiben über eine Zeit, von der man den Eindruck gewinnt, dass sie mit mehr Freiräumen verbunden war. Die Protagonisten Ihres Romans rauchen sogar neben der Zapfsäule.

Haas: Jetzt, wo man ständig hört, wie schädlich das Passivrauchen ist, frage ich mich manchmal, wie sich das bei mir noch auswirken wird. Ich habe mich als Kind permanent in einer verrauchten Umgebung aufgehalten. Heute hingegen leben wir in einer überbehüteten Zeit. Das hat meines Erachtens oft paradoxe Auswirkungen, obwohl man natürlich sagen muss, dass das Rauchen neben einer Zapfsäule objektiv gefährlich ist. (lacht)

Sie erzählen von einer Zeit, in der die Menschen keine Handys besaßen.

Haas: Ja, ich wollte meinen Roman bewusst in einem vordigitalen Zeitalter ansiedeln. Das ergibt einen ziemlichen Kontrast zur heutigen Gesellschaft, wo es viel weniger Ungewissheit und Unwissen gibt, wo man alles mit Handy und Google planen und überprüfen kann.

Der Ich-Erzähler trifft auf dieser Tankstelle eine Frau namens Elsa. Was fasziniert den jungen Mann an dieser lustigen, aber doch auch ein wenig schlichten Frau?

Haas: Ich glaube, das ist beinahe eine überqualifizierte Frage für diesen Burschen. Sie gefällt ihm einfach. Er sieht sie durch die Windschutzscheibe und nimmt sie beinahe wie ein Heiligenbild wahr, das von Eis umgeben ist. Es wäre unzureichend, wenn ich Ihnen erklären würde, dass den Ich-Erzähler diese oder jene Eigenschaft an dieser Frau besonders fasziniert. Ich wollte vielmehr eine Entwicklungsphase beschreiben, denn dieser junge Mann ist in einem Alter, in dem die Chemie in seinem Körper und in seiner Seele ihn förmlich dazu zwingt, sich zu verlieben.

Auffällig ist, dass das Unausgesprochene in Ihrem Roman ein zentrales Thema ist.

Haas: Ja, ich würde sogar sagen, dieser Roman wird von der Dramaturgie des Unausgesprochenen getragen. Meine Protagonisten wollen in bestimmten Momenten eigentlich etwas ganz anderes sagen, tun es aber nicht. Das ist natürlich auch ein romantischer Zugang, bei dem man sich wünscht, dass die Dinge von selbst passieren. Was mich aber am Schreiben immer wieder fasziniert, ist, dass es um etwas anderes geht als um die Geschichte, die vordergründig erzählt wird. Bei dem jungen Mann geht es nicht nur um Verliebtheit. Nebenbei klingt das eigentliche Hauptthema durch: seine Verzagtheit, die auf die schwierige Beziehung zu seinen Eltern zurückzuführen ist, und seine Verlorenheit in der Welt.

Der „junge Mann“ ist unglaublich schüchtern.

Haas: Ja, mein ganzer Roman erzählt viel über Schüchternheit, denn alle Protagonisten sind es in irgendeiner Weise.

Ihr Text ist sehr auf Pointe hingeschrieben. Setzen Sie diesen dramaturgischen Moment bewusst?

Haas: Mein Lektor sagte einmal zu mir, ich würde mit dem Leser flirten. Vielleicht ist da etwas Wahres dran. Ich möchte bei meinen Lesern ein dialogisches Gefühl erzeugen. Ich finde es immer leicht, mir eine Geschichte auszudenken. Länger suche ich nach dem richtigen Tonfall. Das Schreiben selbst ist bei mir ein intuitiver Prozess. Ich biege an einem Text so lange he­rum, bis alles zusammenpasst. Für mich ist es gleichzeitig wichtig, den Radarschirm der Selbstkontrolle zu unterfliegen. Dadurch entsteht dann etwas, das mich selbst überrascht.

„Junger Mann“ ist also ein sehr persönliches Buch?

Haas: Ja. Früher war ich eher geneigt zu sagen, dass alles an meiner Kindheit schrecklich war, aber mit dem Schrei­ben dieses Romans habe ich herausgefunden, dass es auch schöne Momente gab und dass die literarische Qualität eines Textes nicht einzig und allein darin besteht, über düstere Seiten zu schreiben.

Schreiben Sie irgendwann wieder einen neuen Brenner-Krimi?

Haas: Manchmal sage ich, dass ich keinen mehr schreibe, und dann wieder schon. Ich weiß derzeit noch nicht, wohin meine schriftstellerische Reise gehen wird. In diesem Punkt bin ich ein Geheimniskrämer. Sogar vor mir selbst.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl

Lesung

Wolf Haas: Junger Mann. Mittwoch (21.11.), 20 Uhr, Treibhaus, Angerzellgasse 8, Innsbruck.