Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 22.11.2018


1966-2018

Große Trauer um Schriftsteller Gerhard Jäger

Der preisgekrönte Schriftsteller und frühere TT-Redakteur starb am Dienstag an den Folgen einer Gehirnblutung.

Gerhard Jäger war zuletzt für seinen Roman "All die Nacht über uns" für den Österreichischen Buchpreis nominiert.

© Hammerle/LichtbildnereiGerhard Jäger war zuletzt für seinen Roman "All die Nacht über uns" für den Österreichischen Buchpreis nominiert.



Imst – Das Leben hatte viel mit ihm vor. Nicht immer das Beste. Am Dienstag verstarb der Imster Erfolgsautor und frühere TT-Redakteur Gerhard Jäger an den Folgen einer Gehirnblutung im Alter von 52 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und eine Tochter.

Geboren wurde der Vorarlberger 1966 in Dornbirn und arbeitete zunächst als Behindertenbetreuer, Lehrer und Vertreter im Außendienst. Von Außergewöhnlichem konnte er schon zu dieser Zeit berichten: vom Erlebnis des ersten Auftritts der damals noch völlig unbekannten US-Band Nirvana, die im Ländle ihren ersten Österreich-Gig absolvierte. Oder von einer Weltreise, auf der er den Mount Everest sah, aber unter Höhenkrankheit leidend auf allen Vieren zurückkriechen musste. Solche Erlebnisse, die erzählt werden mussten, ließen ihn wohl auch eine Journalismusausbildung absolvieren. Wie groß seine Begabung war, lässt sich auch daran ermessen, dass er 1994 ein Nachwuchsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst sowie 1996 den Vorarlberger Literaturpreis für einen unveröffentlichten Roman erhielt. Diesen arbeitete er später in sein 2016 erschienenes Buch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ ein.

Ab 1998 verstärkte Jäger die TT-Lokalredaktion in Imst. Dort berichtete er aus allen Ecken des Bezirks und dort arbeitete er bis zu seinem Unfall im Dezember 2007: Er stürzte, schlug mit dem Genick an einem Heizkörperstutzen auf und war als junger Vater, der eben mit seiner Frau ein Haus gebaut hatte, querschnittgelähmt.

Natürlich haderte er mit seinem Schicksal – und dennoch fand er nach vielen Monaten und Jahren harter Reha-Arbeit zu seiner neuen Berufung. Mittels Sprachcomputer, der seine verlorene Feinmotorik kompensierte, machte er sich ans Bücherschreiben.

In „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ setzte er einen Städter im so genannten Lawinenwinter 1950/51 in der wortlosen Abgeschiedenheit eines Tiroler Bergdorfes aus. Und erweiterte damit das Genre der Anti-­Heimatliteratur – von Hans Leberts „Wolfshaut“ über Thomas Bernhards „Frost“ bis zu Gerhard Roths „Der Stille Ozean“ – um ein an Facetten und eindrücklichen Bildern reiches Kapitel. Im Vorjahr war Gerhard Jäger für seinen Romanerstling in der Endauswahl für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Debüt.

Sein zweiter Roman „All die Nacht über uns“ erschien im August dieses Jahres im Wiener Picus-Verlag – und stand zuletzt auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis. Jäger lässt darin einen Grenzschützer an seinem Auftrag zweifeln – und setzt sich dadurch ohne großen Gestus mit den ganz großen Gegenwartsthemen, mit Flucht und Fremdheit, auseinander. (TT)