Letztes Update am Fr, 23.11.2018 10:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

Die geballte Ladung: „Alles kann passieren!“ von Rabinovici

Doron Rabinovici montierte populistische Wortmeldungen zur eindrücklichen Warnung.

Ideengeber Florian Klenk (links) und Autor Doron Rabinovici.

© APAIdeengeber Florian Klenk (links) und Autor Doron Rabinovici.



Von Joachim Leitner

Innsbruck, Wien – „Die Ereignisse von 1938 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen“, schreibt Erich Kästner in „Über das Verbrennen von Büchern“ (1958). Doron Rabinovici zitiert die (zu) späte Einsicht in seinem Dramolett „Alles kann passieren!“. Genau genommen setzt sich der ganze Text – er wird heute Abend im Wiener Akademietheater uraufgeführt und erscheint zeitgleich als Taschenbuch bei Zsolnay – aus Zitaten zusammen. Aber nur jene, die sich Rabinovici als Motti zwischen die Szenen geschoben hat – neben Kästner kommen hier Hannah Arendt und Victor Klemperer zu Wort –, mag man hellsichtig nennen.

Kern des Stückes, das nach einer Idee von Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung Falter, entstanden ist, sind aber Wortmeldungen, mit denen Europas gegenwärtig führende Rechtsausleger, etwa Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, Italiens Innenminister Matteo Salvini, aber auch Österreichs Innenminister Herbert Kickl und Vizekanzler Heinz-Christian Strache, an die Öffentlichkeit traten. Die geballte Ladung Populismus sozusagen. „Alles kann passieren“ – übrigens eine recht vage Prognose Viktor Orbáns, der wenige Atemzüge vorher vor Studierenden über die Notwendigkeit „illiberaler Demokratien“ nachdachte – ist also eindrückliche Warnung in Form einer Bestandsaufnahme. Gesagtes wurde protokolliert, thematisch geordnet und dramatisch montiert.

Die Montage macht rhetorische Strategien sichtbar: das permanente Beharren darauf, Opfer unlauterer Umtriebe zu sein, das Beschwören einer drohenden Überfremdung oder das Misstrauen gegen den „medialen Mainstream“. Orbán, Salvini und Co. inszenieren sich als starke Männer, als wagemutige Außenseiter, die jede Bühne nützen, um „Wahrheiten“ zu behaupten und Programmatisches zu proklamieren. Letztlich geht es um die von nationalistischem Pathos begleitete Zerstörung des vereinten Europas. Angegangen wird dieses Unterfangen nicht als Hinterzimmer-Verschwörung, sondern ganz unverblümt im Rampenlicht, vor Kameras, in Parlamenten. Sollte manches, das passieren kann, tatsächlich passieren, hätte man also alles vorher wissen können.

Drama Doron Rabinovici, Florian Klenk: „Alles kann passieren!“ Ein Polittheater. Zsolnay, 62 S., 10,30 Euro.