Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 27.12.2018


Literatur

“Edelweiß“: Von der Kraft des Erzählens

Fein komponierte Geschichtsschilderung: Günter Wels’ Roman „Edelweiß“.

Als Autor nennt sich der Journalist Günter Kaindlstorfer Günter Wels. „Edelweiß“ ist der erste Roman des 55-Jährigen.

© imago stock&peopleAls Autor nennt sich der Journalist Günter Kaindlstorfer Günter Wels. „Edelweiß“ ist der erste Roman des 55-Jährigen.



Innsbruck – Beinahe wirkt es so, als hätte Günter Wels beim Schreiben seines Romans „Edelweiß“ an den Fall Claas Relotius gedacht, wenn er seinen Protagonisten über dessen zu Papier gebrachte Kriegserinnerungen wie folgt sinnieren lässt. In Erzählungen sagt dieser Carl Maurer, der sich schreibend Fritz Mahr nennt, bekomme man zusammenhängende Geschichten serviert: „Alles passt mit allem zusammen.“ Aber so sei es eben nicht gewesen: „Es war komplizierter.“

Dieser Feststellung der Hauptfigur würde wohl auch ihr Autor Günter Wels zustimmen. Der heißt im Brotberuf Günter Kaindlstorfer – und arbeitet als Journalist. Vornehmlich fürs Radio, für Ö1 zum Beispiel. „Edelweiß“ ist nach dem feinen Erzählband „Maitage“ (2010) der erste Roman des 55-Jährigen.

Und „Edelweiß“ ist, was seine Komposition angeht, ein durchaus kompliziertes Unterfangen. Weil sich Wels aber auf das Komponieren versteht, liest sich der Roman leicht, beinahe süffig. Aber, der Reihe nach: Im Kern spielt „Edelweiß“ in den finalen Wochen des Zweiten Weltkriegs. Drei Wehrmachtssoldaten desertieren, wechseln die Seiten. Unter dem Decknamen „Edelweiß“ springen sie irgendwo im österreichischen Nirgendwo aus einem alliierten Flieger. Ihr Auftrag: Informationen über die sagenumwobene Alpenfestung des Führers einholen. Der Einsatz – so viel sei verraten – scheitert. Nicht jeder Deserteur war tatsächlich im Widerstand. Diese Einsicht teilen sich Wels’ Roman und Felix Mitterers jüngstes Theaterstück „Vomperloch“. „Edelweiß“ allerdings bleibt keine akribisch recherchierte – und auf beglaubigten Ereignissen basierende – Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Der Roman dockt an der Gegenwart an. Die Kriegskapitel sind ein Manuskript, das im Heute gelesen wird. Eine Tochter sieht den greisen Vater, der seine Erfahrungen, sein Ringen mit dem, was war, niederschrieb, mit anderen Augen. Und auch dem Enkel, der mit den nationalistischen Schreihälsen dieser Tage sympathisiert und abzudriften droht, erscheinen manche Gewissheiten und allzu einfache Antworten in neuem Licht. „Edelweiß“ ist nicht nur ein spannender, an Wendungen reicher Roman über die mörderische Absurdität von Krieg und Fanatismus, sondern ein ungemein elegantes Lehrstück über die Kraft des Erzählens: Geschichten sind auch dann packend, wenn sie sich nicht leicht verdauen lassen. (jole)

Roman Günter Wels: Edelweiß. Czernin, 394 Seiten, 25 Euro Lesung. Günter Wels präsentiert „Edelweiß“ am Dienstag, 15. Jänner 2019, im Innsbrucker Literaturhaus am Inn. Beginn: 19 Uhr