Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 10.01.2019


Literatur

Robert Menasse: Rückendeckung für den “Luftikus“

Zwischen Fakt und Fiktion: Buchpreisträger Robert Menasse.

© imago stock&peopleZwischen Fakt und Fiktion: Buchpreisträger Robert Menasse.



Es sei „weder ärgerlich noch unredlich", dass Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt" Fakten und Fiktion gemischt habe. Das erklärte Katja Gasser gestern. Die ORF-Journalistin war Sprecherin jener Jury, die der „Hauptstadt" 2017 den Deutschen Buchpreis zusprach. Bedauerlich sei allerdings, dass Menasse „die Gesetze literarischen Arbeitens" offenbar auf andere öffentliche Äußerungen übertragen habe.

Menasse bezog sich inner- und außerhalb fiktionaler Texte auf Reden des einstigen Europa-Politikers Walter Hallstein, die dieser nicht gehalten hat. Dafür hat er sich zuletzt entschuldigt, aber auch „künstliche Aufregung" beklagt. Die Carl-Zuckmayer-Medaille übrigens wird Menasse trotz der Kontroverse erhalten. Sie wird ihm am 18. Jänner in Mainz verliehen. Die rechtspopulistische AfD hatte die Aberkennung des Preises gefordert.

Bereits an diesem Samstag hat die Dramatisierung von „Die Hauptstadt" an den Vereinigten Bühnen Bozen Premiere. Cilli Drexel inszeniert. Auch Robert Menasse wird in Südtirol erwartet.

In der Süddeutschen Zeitung stärkt Autorin Eva Menasse ihrem Bruder den Rücken. Dieser sei bisweilen ein „in seine Thesen verliebter Luftikus", dessen Fehler nicht wegzudiskutieren seien. Früher, so Eva Menasse, hätte man drüber gelacht und ihn als „miesen Rechercheur" verspottet. „Heute will man ihn vernichten."

„Die Hauptstadt" sei eine Tragikomödie über Europa und alles andere als das Produkt einer „Fälschungsaffäre", so Eva Menasse. Selbst Qualitätsmedien beherrschten inzwischen den Shitstorm, „als hätten sie ihn erfunden". (jole)