Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.01.2019


Literatur

Houellebecqs “Serotonin“: Stationen eines Scheiterns

Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“ beginnt als Selbstparodie und entwickelt sich zur beklemmenden Erforschung eines verhärmten Lebens.

Michel Houellebecq, geboren 1958, wurde für seinen Roman „Karte und Gebiet“ (2011) mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet.

© imago stock&peopleMichel Houellebecq, geboren 1958, wurde für seinen Roman „Karte und Gebiet“ (2011) mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der Skandal blieb diesmal aus. Die teuflische Koinzidenz auch. Zur Erinnerung: Michel Houellebecqs islamkritischer Roman „Unterwerfung“ erschien 2015 an dem Tag, an dem radikalisierte Mörder die Büros des Pariser Satireblatts Charlie Hebdo attackierten.

Selbst als Provokateur war Michel Houellebecq schon inspirierter. Bevor sein neues Buch „Serotonin“ europaweit so ziemlich zeitgleich in den Handel kam, sang er im New Yorker Harper’s Magazin ein bemühtes Loblied auf Donald Trump. Als Prophet hingegen schien Houellebecq in Form. Mit „Serotonin“ habe er den Aufstand der Gelbwesten vorweggenommen. Sagten jedenfalls jene Auserwählte, die den Roman vorab lesen durften. Und ihr Schweigen zur PR-technisch besten Zeit brachen.

Jetzt ist der Roman erschienen. Und siehe da: EU-kritische Landwirte protestieren tatsächlich. In der Mitte des Romans, der allerdings nach Emmanuel Macrons Abdankung spielt. Ein Blick auf die Geschichte französischer Widerständigkeit und deren bevorzugte Ausprägung relativiert das prophetische Potenzial allerdings auf eine simple Wahrscheinlichkeitsrechnung. Aber „Serotonin“ ist ein Roman, kein Glückskeksspruch. Und als Roman ist „Serotonin“ ziemlich amüsant. Vor allem der erste Teil: ein Best-of Houellebecq’schen Gepolters. Der Protagonist, ein desillusionierter Beamter namens Florent-Claude Labrouste, schimpft. Über In- und Ausländer, Frauen, Schwule, Hotels, Rauchverbote, Bürokratie, über das TV-Programm.

Houellebecq hat diese letztlich handzahme Form des Gezeters perfektioniert. Bisweilen verdichtet sich der Eindruck, dass er sich in „Serotonin“ absichtsvoll selbst parodiert.

Nach 150 Seiten hat man das Gemotze satt. Und Houelle­becq ging es wohl ähnlich. Deshalb schickt er seinen Protagonisten auf eine Odyssee durch Frankreich. Dorthin, wo er schon einmal war. Damals, als er hoffnungsvoller auf die Welt schaute und ihm Lebens- und Liebeslust mehr als ein Augenrollen abtrotzte.

Im zweiten Teil wird „Serotonin“ – der Roman ist nach jenem Hormon benannt, das unseren Helden in Pillenform aus der Antriebslosigkeit holen soll – zur beklemmenden Erforschung eines verhärmten Lebens. Florent-Claude erinnert sich an frühere Lieben. Vor allem jene zu Camille, die er einst mutwillig verletzte, rückt ins Zentrum. Mit einem Kreuzweg vergleichbar, klappert er die Stationen seines Scheiterns ab und meditiert über den Mangel, der ihm so zusetzt: „Ein einziges Wesen fehlt, und alles ist tot, die Welt ist tot und man selbst ist tot.“

Mit „Serotonin“ beweist Michel Houellebecq, was man immer schon vermuten durfte: Da schreibt ein hoffnungsloser Romantiker, einer, der alle Hoffnung fahren ließ – und seither nach Möglichkeiten sucht, sich dafür zu bestrafen.

Roman Michel Houellebecq: Serotonin. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. Dumont. 334 Seiten. 26.70 Euro.