Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.01.2019


Kriminalroman

“Rechtswalzer“: Eine Republik dreht rechts

Unter kornblumblauem Himmel: Franzobels neuer Kriminalroman spielt in naher Zukunft – und in einer jungen Diktatur namens Österreich.

Mit seinem Roman "Das Floß der Medusa" stand Franzobel 2017 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

© imago stock&peopleMit seinem Roman "Das Floß der Medusa" stand Franzobel 2017 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.



Innsbruck – Den Wiener Opernball hat Schriftsteller Franzobel öfter besucht. Inzwischen weiß man: Es ging ihm dabei wohl nicht nur ums Gesehenwerden, sondern auch ums Sehen. In Franzobels neuem Roman „Rechtswalzer“ wird das alljährliche Schickeria-Soziotop zum Schauplatz: Die neue Regierung – die auch sonst kaum eine Wand unplakatiert lässt – plant die schmuck aufgemaschelte Propagandaoffensive. Und alle tanzen mit, die Reichen und die Schönen, die Bonzen, die Promis und die Adabeis. „Rechtswalzer“ spielt 2024/25, Türkis-Blau wurde abgewählt, LIMES, eine Bewegung, die den „wahren Sozialismus“ verspricht und „wir sind das Volk“ sagt, kam an die Macht. Was in den Jahren davor zurückhaltend angedacht wurde, ist jetzt ganz offiziell Regierungsprogramm: Law and Order; dichte Grenzen; klare Feindbilder; rohe Sprache; das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Und ein Jungunternehmer, der mit Gin-Gastronomie zum gutgehenden Geheimtipp wurde, muss sich mehrfach misstrauisch fragen lassen, ob er jüdisch sei, weil er Malte Dinger heißt.

Seiner bedrückenden Zukunftsvision stellt Franzobel ein Zitat aus Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ voran. In „Unterwerfung“ zerlegt es die französische Demokratie. Bei Franzobel dreht nun die Republik Österreich vollends auf rechts. Aber solange es ausreichend Spektakel gibt, bleibt der Widerstand überschaubar.

Auch Malte Dinger denkt lieber über Schanigarten-Schanklizenzen unter „kornblumblauem Himmel“ nach als über die Diktatur, die gerade Gestalt annimmt. Trotzdem landet er im Gefängnis. Er stieg ohne Monatskarte in die U-Bahn, randalierte als Schwarzfahrer, bot eine „österreichische Lösung“ an: aus der U-Bahn in die U-Haft. Und auch dort läpperte sich schnell einiges zusammen.

Zeitgleich bekommt es Kommissar Groschen – der bereits in Franzobels Krimis „Wiener Wunder“ und „Groschens Grab“ ermittelte – mit gleich zwei Fällen zu tun. Der erste ist grauslig, der zweite führt Groschen ins Kaff Untergrutzenbach, eine nachgerade exemplarischen Antiidylle.

Verbunden sind diese Erzählstränge durch einen eigentümlichen Ex-Lobbyisten, der sich mit Malte Dinger die Häfenzelle teilt.

„Rechtswalzer“ ist irrwitzige Satire. Franzobel liebt es, die Umwege, die er als Erzähler macht, üppig auszugestalten. Das geht bisweilen etwas auf Kosten der Krimispannung. Im Kern aber ist „Rechtswalzer“ eine eindrückliche Warnung: Die Zukunft, von der im Roman die Rede ist, scheint nur einige „Einzelfälle“ entfernt. (jole)

Kriminalroman Franzobel: Rechtswalzer. Zsolnay, 416 Seiten, 19,60 Euro.


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