Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.02.2019


Literatur

Tagebuch eines Meisterkochs: Wiener Schnitzel auf Schnitzler gefällig?

Wer es hintergründig skurril mag, ist bei Vladimir Sorokins neuem Roman „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“ exakt richtig.

Meister im Erfinden von skurril Hintergründigem: Vladimir Sorokin.

© Maria SorokinaMeister im Erfinden von skurril Hintergründigem: Vladimir Sorokin.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Vladimir Sorokins neues Buch „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“ spielt 2037, also in nicht allzu ferner Zukunft. Passiert ist bis dahin viel in der Welt, es haben Kriege, – islamische – Revolutionen und Gegenrevolutionen stattgefunden, Brüssel ist längst eine Ruinenstadt, die Kleinstaaterei greift um sich genauso wie die Monarchie als Staatsform, etwa in Bayern. Gelesen wird längst nicht mehr, gedruckt wird nur noch Geld. 90 Prozent der Bücher wurden verbrannt, der Rest – etwa ikonische Erstausgaben – werden in Bibliotheken verwahrt. Und gerade auf diese hat es Géza, der meisterhaft kochende Held Sorokins, abgesehen. In einem Buch, das man mit größtem Vergnügen liest. So vergnüglich skurril und gleichzeitig spitzfedrig klug verpackt der 64-jährige Russe auch in seinem neuesten Roman seine Seitenhiebe auf die Welt von heute und diverse Facetten ihrer Gesellschaft, besonders der russischen.

Géza ist Koch. Allerdings kein gewöhnlicher, er hat sich mit viel Fleiß und Talent vom 3-Sterne-Mietkoch zum international gebuchten Book ’n’ Griller hinaufgekocht. Die Energie, mit der Géza seine Speisen zubereitet, sind nicht etwa ordinärer Strom oder gar Gas, sondern Bücher, deren Seiten er mithilfe seines kostbaren Excalibur eine nach der anderen zum Brennen bringt. Die besten Autoren sind da gerade gut genug. Denn über einer Ausgabe eines zweitrangigen Autors würde er ein Steak niemals grillen.

Wobei es dem Meisterkoch wichtig ist, dass das jeweilige Werk zur Speise bzw. seinem Esser passt. Man ist schließlich, was man isst. Um etwa ein Wiener Schnitzel am liebsten über einer edlen Schnitzler-Ausgabe goldbraun zu braten, während für die zum 40er eines Bond-Fans veranstaltete Grillparty eine Erstausgabe von Ian Flemings „Dr. No“ logischerweise der Brennstoff der Wahl ist. Und dass ein Stör stilgerecht nach Dostojewski schreit, versteht sich von selbst. Wenn auch nicht jedes Scheit hält, was es verspricht. Aber das ist Berufsrisiko.

Sich von Géza bekochen zu lassen, ist alles andere als billig und noch dazu verboten. Sind die Bücher, die auf diese Weise in Rauch aufgehen, doch durchwegs geklaut, was die Lust der dekadenten Gourmands allerdings noch steigert. Auf Büchern zu kochen, an denen Blut klebt, gilt in der mafiös organisierten Zunft der Book ’n’ Grill-Köche allerdings als unschicklich. Man hat schließlich seine Berufsehre.

Als Gespielinnen bevorzugt der polyglotte, in Ungarn geborene Géza gefügige Vietnamesinnen. Seine unentbehrlichen Helferlein, um sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden, sind drei „Flöhe“. Einer steckt in seinem Hirn, einer in den Haaren, einer im Ohr. Festen Wohnsitz hat der Meisterkoch keinen, Pässe mit unterschiedlichen Namen dagegen sechs.

Obwohl die meisten seiner Kollegen Analphabeten sind, liest Géza selbst bisweilen. Eine punkt- und kommalos sich auf dreieinhalb Seiten ergießende Kostprobe seiner Lieblingslektüre liest sich in Sorokins Buch als wunderbar böse Persiflage auf Esoterisches. Was sich auf derlei Liebesgesülze wohl grillen ließe? Wohl am ehesten Fusion.

Das Buch endet in einem spektakulären Showdown. Das Illegale wird legal, das Elitäre normal. Erstausgaben werden millionenfach reproduziert, der Excalibur wandert in die Vitrine. Mordgelüste, die in Géza spontan aufkeimen, werden von einem neuen Floh im Ohr um 360 Grad gedreht. Und die Zukunft ist rosig. Zum Schluss noch ein ganz großes Lob für Sorokins Übersetzer Andreas Tretner. Sein Lieblingsgericht auf „Manaraga“ zuzubereiten, anstatt es zu lesen, wäre aber wirklich zu schade.

Roman Vladimir Sorokin: Manarga. Tagebuch eines Meisterkochs. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 20,60 Euro