Letztes Update am Mo, 18.02.2019 13:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schonungslose Autobiografie

„Ich will mich nicht verstecken“: Säure-Opfer veröffentlicht Buch

Ihr Ex-Freund wollte ihr die Schönheit rauben und sie lebenslang leiden lassen: Vor drei Jahren schüttete er Vanessa Münstermann eine ätzende Flüssigkeit ins Gesicht. Mittlerweile ist sie Mutter – bald will sie heiraten. Über den Anschlag und die schwere Zeit danach hat die 29-Jährige nun ein Buch geschrieben.

Vanessa Münstermann mit ihrer Biografie.

© dpaVanessa Münstermann mit ihrer Biografie.



Von Christina Sticht, dpa

Hannover – Das linke Auge zerstört, ein Ohr weggeätzt, die Hälfte von Gesicht und Hals starr und rot entzündet: In den ersten Wochen nach der Säure-Attacke ihres Ex-Freundes glaubte Vanessa Münstermann nicht, dass sie jemals wieder mit einem Mann Zärtlichkeiten austauschen würde. Heute ist die Frau aus Hannover Mutter einer acht Monate alten Tochter. Im Herbst will sie ihre Jugendliebe heiraten. Am Dienstag (19. Februar) erscheint im Rowohlt Taschenbuch Verlag ihr Buch „Ich will mich nicht verstecken“.

Zwischen Erleichterung, Angst und Anspannung

Darin beschreibt die Kosmetikerin die Vorgeschichte des Verbrechens, für das ihr Ex-Freund eine zwölfjährige Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung verbüßt. Sie erzählt von Alpträumen, dem ersten Blick in den Spiegel, der Reha, dem Gerichtsprozess und Beziehungen zu Männern. „Ich habe meine Tagebücher abgegeben, ohne sie vorher noch einmal zu lesen“, sagt die Frau mit den widerspenstigen dunklen Locken. „Da stehen Sachen drin, worüber ich noch gar nicht reden kann. Ich wollte nicht larifari machen. Ich wollte echt sein.“

„Ich bin lachend in die Kreissäge gelaufen. Erst vor Gericht habe ich von seinen 27 Vorstrafen und seiner gewalttätigen Vergangenheit erfahren“
Vanessa Münstermann

Mit Angst und Anspannung erwarte sie jetzt die Reaktionen, erzählt die junge Frau – am Dienstag (19.) wird sie 30 Jahre alt – in einem Café in der Nähe von Hannover. Vor dem Interview hat sie eine Frau besucht, die sie seit längerem betreut. Ein Jahr nach dem Anschlag gründete Vanessa den Verein „AusGezeichnet“, um Brandopfern und anderen Entstellten zu helfen.

Täter schreibt beleidigende Briefe aus der Haft

Das 288-seitige Buch verfasste sie mit Regina Carstensen, die laut Verlag zuvor mit Autoren wie Torwart Oliver Kahn und Schauspielerin Allegra Curtis gearbeitet hat. In Telefonaten und bei Treffen rekonstruierten beide den Gerichtsprozess, der in den Tagebüchern fehlt. Zudem beschrieb die junge Mutter, wie es ihr mittlerweile geht: „super-glücklich, aber chronisch übermüdet“. Ghostwriterin Carstensen sagt: „Mich hat beeindruckt, wie selbstbestimmt sie eigene Entscheidungen trifft und dass sie ein großes Herz für andere hat.“

Ihr eigenes körperliches und psychisches Leiden spielt Vanessa eher herunter. Schlafstörungen und Ängste hat sie seit dem Anschlag, Dutzende Operationen musste sie über sich ergehen lassen, weitere werden folgen. Das Buch sei in erster Linie an ihre Tochter gerichtet, betont die Autorin. Noch immer hat Vanessa Angst davor, dass der Täter sie umbringt, wenn er eines Tages aus dem Gefängnis kommt. Er schrieb ihr aus der Haft beleidigende Briefe. Im Herbst erstritt Münstermann vor dem Landgericht Hannover in einem Zivilprozess 250.000 Schmerzensgeld. Allerdings ist der heute 37-Jährige nach Angaben seines Anwalts pleite.

Zerstörung als Befreiung: „Heute darfst du hässlich sein“

Vanessa stellt sich in dem Buch selbst infrage. Sie wirft sich vor, in der sechsmonatigen Beziehung zu dem Täter nicht früher die Notbremse gezogen zu haben. „Ich bin lachend in die Kreissäge gelaufen“, sagt sie. Der Mann habe sie mit morgens heimlich in die Brotbox gesteckten Liebesbotschaften eingelullt und später mit Selbstmorddrohungen unter Druck gesetzt. Erst im Gerichtssaal erfuhr sie von seinen 27 Vorstrafen und seiner von Gewalt geprägten Vergangenheit.

„Mein Tag war von Äußerlichkeiten bestimmt“, kritisiert Münstermann ihr früheres Ich. „Meine Wimpern wurden länger und bunter, mein Haar konnte nicht rot und wild genug sein, mein Make-up kleisterte jegliche Mimik zu. Zum Schluss erkannte ich mich selbst nicht wieder.“ Insofern sei die Zerstörung ihres hübschen Gesichts auch eine Befreiung gewesen: „Ab heute darfst du hässlich sein.“