Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.02.2019


Literatur

„Gotteskind“ von John Wray: Lebenslügen zum Quadrat

In seinem Roman „Gotteskind“ schickt John Wray eine Amerikanerin in den „Heiligen Krieg“.

John Wray, Jahrgang 1971, nahm im vergangenen Jahr beim Bachmann-Wettbewerb teil. Und gewann den Deutschlandfunk-Preis.

© imago stockJohn Wray, Jahrgang 1971, nahm im vergangenen Jahr beim Bachmann-Wettbewerb teil. Und gewann den Deutschlandfunk-Preis.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – John Wray ist gewissermaßen das Gegenstück von Claas Relotius, dessen zwar schön geschriebene, aber dreist gefälschte Reportagen aus aller Welt im Dezember vergangenen Jahres für die letzte große Krise des Qualitätsjournalismus sorgten. Auch Wray wollte eigentlich eine Reportage schreiben. Die Geschichte des US-amerikanischen Taliban-Kämpfers John Walker Lindh trieb ihn um. Der wurde 2001 im Alter von gerade einmal 20 Jahren in Afghanistan festgenommen – und sitzt seither in Haft.

Auch Wray machte sich also auf den Weg nach Afghanistan. Doch das, was er dort an Spuren und Eindrücken zusammentrug, wollte sich zu keinem belastbaren Gesamtbild zusammenfügen. Deshalb hat der 1971 in Washington geborene und hauptsächlich in New York lebende Sohn eines US-Amerikaners und einer Österreicherin eben keine Reportage geschrieben. Sondern einen Roman.

Im Roman sind Kunstgriffe nicht nur erlaubt, sondern bisweilen der Ausweis besonderer Fertigkeiten. Und John Wrays Erzähltalent steht nicht erst seit seinem preisgekrönten Auftritt beim Klagenfurter Bachmann-Wettlesen, wo er, der gemeinhin auf Englisch schreibt, als deutschsprachiger Autor debütierte, außer Frage.

Deshalb ist die Hauptfigur von „Gotteskind“, dem Roman, den Wray aus seiner Recherche formte, kein Heranwachsender, sondern eine Heranwachsende, die sich in Glaubensfragen so weit vom ebenso rabiaten wie ratlosen Vater – ein Professor für Islamstudien – entfernt, dass eine Koranschule im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet zum sinnstiftenden Ausweg aus spätpubertärer Leere wird.

Die Protagonistin – ein zweiter Kunstgriff, diesmal für Feinspitze – heißt Aden Sawyer. So wie Mark Twains freiheitsliebender Lausbub also. „Gotteskind“ ist nicht nur Schilderung einer schrittweisen Radikalisierung, sondern immer auch Abenteuerroman. John Wray denkt beide Genres zusammen: Er schickt Aden in Männerkleidern ins Unheil. Ein gewagtes, ja kühnes Unterfangen: Eine junge Frau zieht für Fanatiker in einen Kampf, der sich nach 9/11 zum Krieg weitet, denen sie nichts gilt. Wenn man so will: Lebenslüge zum Quadrat. Würden ihre Mitstreiter den Schwindel entdecken, wären die Folgen ebenso tödlich wie bei der Aufdeckung durch einen Widersacher.

Das sich aus diesem Konflikt Spannung entwickeln lässt – geschenkt. Denn „Gotteskind“ ist mehr als spannend. John Wray beweist sich als sprachgewandter Schilderer innerer, also psychischer, und äußerlicher, sprich ganz konkreter, Landschaften. Und er versteht es, seinen Roman bis in den letzten Winkel mit plastischen Details und ungemein fein gezeichneten Figuren auszugestalten. Gerade die machen „Gotteskind“ zu einem abgründig-authentischen Roman. Und damit auch zum Beweis einer alten Literaten-Weisheit: Manches muss man erfinden, wenn man der Wahrheit wirklich nahe kommen will.

Roman John Wray: Gotteskind. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Rowohlt, 334 Seiten, 23,70 Euro. Lesung. Heute Mittwoch in der Innsbrucker Buchhandlung Wagner’sche. Beginn: 19.30 Uhr.