Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.02.2019


Literatur

„Fähre nach Manhattan“: Politisierung ohne Plan

Armin Thurnher hat seine amerikanischen Erfahrungen zum Roman verdichtet.

„Falter“-Herausgeber Armin Thurnher wird heute 70 Jahre alt.

© Manfred Werner„Falter“-Herausgeber Armin Thurnher wird heute 70 Jahre alt.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Amerika, du hast es besser. So weit, so Goethe. Und man darf vermuten, dass der Vorarlberger Maturant Armin Thurnher den Satz kannte, als er im Spätsommer 1967 erstmals den Atlantik überflog, um für vier Monate im New Yorker Hinterland ein College zu besuchen. Recht viel mehr wusste Thurnher aber nicht über das vielzitierte Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Gut, es gab da einen Großonkel, der in den USA vom Johann zum John wurde – und bei seinen Besuchen in der alten Heimat große Hüte trug und eigentümliche Formulierungen im Mund führte.

Von seiner besten Seite zeigten sich die Vereinigten Staaten nicht, als Thurnher ankam: Sein schmucker Schnürlsamtanzug wurde von grobschlächtigen „Trollen“ – Football-Spielern in T-Shirt und Jogginghosen – in einer überdimensionierten Mensa belächelt – und von Bruce, einem Bekannten und späteren Mitbewohner, fehlt jede Spur. Er wird für den jungen Österreicher, den es zwar nicht ahnungs-, aber „planlos“ nach Übersee zog, zum nächtlichen Lehrmeister in Sachen Bewusstseinsbildung und Bürgerkunde: Die vier Monate in den USA hätten ihn politisiert, schreibt Thurnher – Mitgründer, Herausgeber und hellsichtiger Kommentator der Wiener Stadtzeitung Falter – in seinem dieser Tage erschienenen Buch „Fähre nach Manhattan“. Das Kleingedruckte des Klappentextes weist es als Roman aus. Dass der Text autobiografisch grundiert ist, steht außer Zweifel. Dass Erinnerung trügerisch und Erzählen immer auch Komposition ist, auch. Wichtiger ist, dass der einstige Austauschschüler ein großartiger Erzähler ist. Ganz eindrücklich und bisweilen wunderbar lakonisch beschreibt Thurnher Stimmen und Stimmung am Campus, er schwärmt von amerikanischen Dichtern, von politischem Pop, von offenherziger Gegenkultur – und blendet die Schattenseiten der Weltmacht gewordenen Nation nicht aus: den Krieg in Vietnam, fehlende soziale Netze, unverhohlenen Rassismus – und himmelschreienden Aufholbedarf in Fragen des Fußballs. Für Letzteres fand Armin Thurnher als gerade einmal Achtzehnjähriger einen Ausweg. Er diente sich dem dahindarbenden College-Team als Wunderwuzzi an, opferte das gewachsene Haupthaar seinem störungsfreien Kopfballspiel – und erdribbelte sich als österreichischer Legionär mit Torinstinkt euphorische Artikel in der Campus-Zeitung.

„Fähre nach Manhattan“ soll Auftakt einer mehrbändigen Reihe autobiografischer Entwicklungserzählungen werden. Schon mit Teil eins macht Armin Thurnher, der heute 70 Jahre alt wird, seinen Lesern ein Geschenk.

Roman Armin Thurnher: Fähre nach Manhattan. Mein Jahr in Amerika. Zsolnay, 206 Seiten, 20,60 Euro.