Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.03.2019


Literatur

“Kaschmirgefühl“ von Bernhard Aichner: Prickeln in der heißen Leitung

Autor Bernhard Aichner hat vorläufig genug von Mord und Totschlag in Buchform. Im neuen Roman „Kaschmirgefühl“ strickt er geschickt eine Love-Story.

Bernhard Aichner in Relax-Pose, doch der Eindruck täuscht. Er hat schon wieder ein Buch fertig.

© Thomas Boehm / TTBernhard Aichner in Relax-Pose, doch der Eindruck täuscht. Er hat schon wieder ein Buch fertig.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Bernhard Aichner ist fleißig, geschäftstüchtig und omnipräsent in den Medien, sei es in solchen mit gedruckter oder mit sozial-digitaler Aufmachung. Vermutlich sind diese Eigenschaften mit ausschlaggebend dafür, dass der Tiroler Autor dermaßen erfolgreich durch den deutschsprachigen Literaturbetrieb düst. Mit den „Totenfrau“- und Max-Broll-Krimis hat er Auflagen erreicht, von denen viele seiner Berufskollegen nur träumen können.

Das Attribut „fleißig“ darf Aichner hier, im zweiten Absatz, auch gleich ein zweites Mal umgehängt werden. Nur knapp ein halbes Jahr nach seinem Thriller „Bösland“ hat den in Innsbruck lebenden Vielschreiber des Jahrgangs 1972 schon wieder die Muse geküsst. Rechtzeitig zum allseitigen Frühlingserwachen ist Aichners neues Werk „Kaschmirgefühl“ fertig und in den Buchläden, auf dass es noch diese Woche offiziell präsentiert werden kann (ein zweckdienlicher Hinweis dazu findet sich am Textende).

Wie aber lässt sich der Neuling aus Aichners Feder genauer bezeichnen? Dankenswerterweise öffnet der Schriftsteller die passende Schublade zwecks Einordnung selbst. Als „kleinen Roman über die Liebe“ apos­trophiert er „Kaschmirgefühl“ im Untertitel. Und das ist er fürwahr: kein großer Roman, kein Opus magnum, keines, das Aufnahme in den Kanon der Weltliteratur finden wird, sondern ein unterhaltsames, gut geschriebenes Lesestück im Kleinen. Immerhin.

Niemand wird überfordert. Die knapp 180 Seiten lesen sich locker und flüssig in wenigen Stunden. Es entsteht sogar ein leichter Drang, weiterzulesen, denn die Story menschelt und interessiert. Das Grundkonzept, ein amourös angehauchter Dialog über etliche Etappen, hat sich ja schon vor mehr als zehn Jahren in Daniel Glattauers E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ als zeitgeistig erfolgreich erwiesen.

Aichners Protagonisten tauschen ihre Messages aber nicht per Computer aus, sondern sie verwenden das gute alte Telefon. Er, Gottlieb mit Namen, ruft bei einer Sexhotline an (gibt es solche in Zeiten des pornoverseuchten Internets tatsächlich noch?). Sie, Marie, arbeitet am anderen Ende der Leitung. Mutmaßlich strickt sie, während sie ihrem Broterwerb nachgeht: dem wortreichen Vortäuschen von Orgasmen, bis zu 15-mal an Spitzentagen.

Gottlieb ist aber gar nicht auf schnelle Befriedigung aus, obwohl telefonäre Sexdienste, im Minutentakt berechnet, teuer werden, wenn der Erfolg des verbal befeuerten Treibens auf sich warten lässt. Doch Gottlieb, altmodisch wie sein Vorname, will mit Marie bloß reden – abend- und nachtfüllend. Es werden mehrere Telefonate mit Pausen bis sechs Uhr Früh. Die beiden tischen einander Lügengeschichten auf, dass sich die Balken nur so biegen.

Verliebtsein beflügelt eben die Fantasie. Offenbar verfügt Autor Aichner in dieser Hinsicht über einen reichhaltigen Fundus. Ihm gelingt manch unpeinlich prickelnde Stelle, da knistert es richtiggehend zwischen den Dauertelefonierern. Über den Erotikgehalt möge aber jeder Leser selbst befinden. Hier ist das eigene Kopfkino gefragt.

Roman Bernhard Aichner: Kaschmirgefühl. Haymon Verlag 2019, 188 Seiten, 17,90 Euro.

Buchpräsentation am Donnerstag, 14. März, in der Wagner’schen in Innsbruck, Museumstraße 4, mit Beginn um 19.30 Uhr. Es lesen Bernhard Aichner und Schauspielerin Lisa Hörtnagl (freie Platzwahl, Eintritt 9 bzw. 7 Euro).