Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 19.04.2019


Literatur

Gegensätze halten sich aus

Der langjährige Landeshauptmann von Niederösterreich Erwin Pröll und Dichter Peter Turrini pflegen in einem moderierten Gespräch ihre Streitkultur.

Dramatiker Peter Turrini und den Politiker Erwin Pröll verbindet eine unwahrscheinliche Freundschaft.

© Walter WobrazekDramatiker Peter Turrini und den Politiker Erwin Pröll verbindet eine unwahrscheinliche Freundschaft.



Innsbruck – Der Name Erwin Pröll wird immer mit dem Attribut mächtig versehen. Jahrzehntelang passierte in der ÖVP in Österreich nichts, ohne dass es vom niederösterreichischen Landesfürsten abgenickt wurde. Über den Autor Peter Turrini wird man indes kaum Berichte ohne das Wort „Skandal“ hören. Der Kärntner, der einen italienischen Vater hat, fühlte sich in Kärnten immer fremd, während Pröll das Leben am Land zeitlebens als geradezu paradiesisch empfand.

Herbert Lackner, einstiger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins profil, hat im Buch „Zwei Lebenswege. Eine Debatte. Peter Turrini & Erwin Pröll“ die beiden Männer, die allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz eine jahrelange Freundschaft verbindet, an einen Tisch gebeten. Die Gespräche fanden jeweils in Niederösterreich statt. Einmal bei Pröll in Radlbrunn, dann bei Peter Turrini in Kleinriedenthal, schließlich quasi auf neutralem Boden bei Herbert Lackner, der einen Bauernhof in Weistrach im westlichen Mostviertel besitzt. Der erfahrene Interviewer Lackner hält sich im Gespräch, in dem die Positionen von vornherein abgesteckt sind, vornehm zurück. Während sich der Dichter und Schriftsteller Turrini angriffig gibt und Pröll auch zu selbstkritischen Aussagen provozieren will, beharrt dieser darauf, dass er seine beeindruckende Karriere „ohne Leichen im Keller“ absolviert habe. Während Turrini tief in seine Abgründe blicken lässt, er thematisiert auch seine schweren Depressionen und seine Aufenthalte in der Psychiatrie, ist Pröll bestrebt zu vermitteln, dass in seinem Leben zwar auch nicht immer alles glatt gelaufen sei, er aber keine gröberen Schrammen davongetragen habe.

Der größte Konflikt zwischen den beiden fand in den 70er-Jahren statt, damals krachten sie wegen der ORF-Serie „Alpensaga“ aufeinander. Turrini erklärt, dass er den Bauernstand weg vom „Löwingerbühne-Klischee“ bringen wollte, dabei sei er massiv dem Bauernbund ins Gehege gekommen. Dessen Zeitung Der Bauernbündler habe Turrini und seine Mannschaft wöchentlich zu „Teufeln “ stilisiert. Am schlimmsten sei aber gewesen, dass versucht worden sei, die Dreharbeiten zu verhindern. Pröll sieht die damaligen Vorkommnisse nach wie vor aus einer ganz anderen Perspektive. Man sei bestrebt gewesen, einen völlig neuen Weg in der Agrarpolitik zu gehen, die „Alpensagler“ seien da ein massives Störfeuer gewesen, da sie ein altes Denken über den Bauernstand thematisiert hätten.

Damals kämpften Turrini und Pröll auf unterschiedlichen Seiten eines Burggrabens. Die Annäherung kam viel später. Der Künstler Turrini lernte den Politiker Pröll als Landesvater schätzen, der sich auch gegen heftige Widerstände der eigenen Partei für die Künstler in Niederösterreich einsetzte. Vor allem die Förderung von Hermann Nitsch entgegen allen Anwürfen beeindruckte den Revo- luzzer Turrini. Dennoch zeigt das Gespräch ganz klar das unterschiedliche Selbstverständnis der beiden Gegenpole auf. So kommt es zur bezeichnenden Szene: Pröll wird von Lackner nach den Verlusten bei seiner ersten Wahl als amtierender Landeshauptmann gefragt. Turrini sagt: „Vielleicht haben wir die Chance auf einen kleinen Abgrund!“

Er habe damals zurücktreten wollen, sei aber von den Parteifreunden zum Bleiben überredet worden, erzählt Pröll. Turrini erinnert sich an seine Schmach bei den Salzburger Festspielen mit „Da Ponte in Santa Fe“ im Jahr 2002. Er wurde beim Schlussapplaus regelrecht von der Bühne gepfiffen. Pröll war damals mit seiner Frau dabei. Um sieben Uhr in der Früh habe Pröll ihn angerufen und gesagt: „Lies keine Kritiken!“, erzählt Turrini. Eine nette Geste von einem, der lange auf der anderen Seite gestanden hatte, zumal sie sich damals noch nicht gut kannten. „Du bist mir in der Niederlage wirklich nahegekommen“, sagt Turrini über seinen jetzigen Freund.

Der lässt sich letztlich immerhin zu schaumgebremster Kritik an der ÖVP unter Sebastian Kurz hinreißen, indem er der Partei ausrichtet: Man würde sich von der FPÖ zu sehr in ein ideologisches Eck drängen lassen. (hoho)

Gespräch Herbert Lackner: Zwei Lebenswege. Eine Debatte. Peter Turrini & Erwin Pröll. Ueberreuter, 167 Seiten, 22,95 Euro.