Letztes Update am Di, 07.05.2019 10:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Mordende Sprechstundenhilfe: Ingrid Noll im Interview

Schriftstellerin Ingrid Noll begeistert ihre Leserinnen nicht nur mit spannenden Geschichten, sondern auch mit starken Frauenfiguren. Ein Gespräch über ihre späte Karriere und über ihren neuen Roman.

Wenn Schriftstellerin Ingrid Noll auf der Buchmesse Bücher signiert, dann sind in den Warteschlangen fast ausschließlich Frauen zu sehen.

© imago/HartenfelserWenn Schriftstellerin Ingrid Noll auf der Buchmesse Bücher signiert, dann sind in den Warteschlangen fast ausschließlich Frauen zu sehen.



Innsbruck, Leipzig – In ihrem Roman „Die Häupter meiner Lieben“ drückt Ingrid Nolls Protagonistin namens Cora aus Rache einem Mann im Schlaf mehrfach einen „Erledigt-Stempel“ auf die Brust und lackiert ihm die Finger- und Fußnägel rosafarben. Wenn man mit Ingrid Noll über diese Szene spricht, dann entkommt der Autorin dabei ein schelmisches Lächeln. Nolls schwarzer Humor und biestiger Charme scheint besonders das weibliche Lesepublikum zu unterhalten. Erst vor Kurzem hat die mittlerweile 83-jährige Schriftstellerin auf der Leipziger Buchmesse ihren neuen Roman „Goldschatz“ präsentiert. Die TT hat sich dort mit der Schriftstellerin zu einem Gespräch getroffen.

Sie haben Ihre schriftstellerische Karriere sehr spät, nämlich erst mit Mitte 50 begonnen. Wie kommt das?

Ingrid Noll: Eigentlich war das Schreiben immer schon meine Leidenschaft. In der Schule konnte ich mit einer „Eins“ in Deutsch meine „Fünf“ in Mathematik ausgleichen. (lacht). Später fehlte mir aber schlichtweg die Zeit dafür, denn ich habe in sehr kurzer Zeit drei Kinder bekommen und dann zwanzig Jahre in der Arztpraxis meines Mannes mitgearbeitet. Ich hatte also keine Zeit, vor allen Dingen aber kein eigenes Zimmer, denn wenn man drei Kinder hat, dann hat jedes Kind ein Zimmer, aber die Mutter keines. Erst als die Kinder weg waren und es ein bisschen ruhiger im Haus wurde, habe ich begonnen zu experimentieren.

Wie muss man sich Ihre Experimente vorstellen?

Noll: Nun ja, ich habe nicht gleich einen Roman geschrieben. Ich habe auf verschiedenen Ebenen experimentiert und das gemacht, was andere Frauen im Klimakterium auch machen: Ich habe Spanisch an der Volkshochschule gelernt oder Aquarell gemalt, im Chor gesungen und schließlich angefangen, Kindergeschichten zu schreiben. Sie waren relativ kurz, ich konnte sie schnell schreiben, aber sie waren absolut erfolglos. (lacht)

Warum hatten diese Kindergeschichten keinen Erfolg?

Noll: Ich habe gespürt, dass Kindergeschichten eigentlich nicht mehr so richtig zu mir passen, denn meine eigenen Kinder waren längst erwachsen, und Enkelkinder hatte ich damals noch keine. Deshalb entschied ich, etwas für Erwachsene zu schreiben. Die Kindergeschichten waren natürlich sehr lieb. Deshalb versuchte ich mich im Gegenteil und schrieb richtig bös. Und damit kam der Erfolg.

Wie hat Ihre Familie Ihre schriftstellerischen Ambi­tionen, vor allem Ihren Erfol­g, aufgenommen?

Noll: Am Familientisch war ich immer schon die Entertainerin. Dass ich erzählen kann, das wusste jeder. Auch meine Freunde wussten das. Dass ich jetzt ein Buch geschrieben hatte, fanden sie nicht so erstaunlich, dass dieses Buch aber gedruckt und gelesen wurde, darüber wundere ich mich ja selbst noch immer. Das war für mein Umfeld schon sehr absonderlich, nachdem sie mich ja nur als biedere Hausfrau kannten und in meinem Roman „Der Hahn ist tot“ plötzlich gemordet wurde. (lacht)

Männer werden in Ihren Romanen ja ziemlich auf die Schaufel genommen. Ihre Frauenfiguren sind hingegen sehr stark und im Vordergrund. Warum haben Sie sich dieses Erfolgskonzept ausgedacht?

Noll: Das war für mich die einfachere Lösung, denn ich hatte immer gute Freundinnen, bin mit Schwestern aufgewachsen und habe auch eine Tochter. Und ich habe von Frauen viele Beichten gehört. Sie haben mir Intimes anvertraut. Ich weiß also einiges über das Innenleben von Frauen, ohne diese Geschichten je literarisch verarbeitet zu haben. Ich habe aber dadurch einen Fundus, was Frauen alles empfinden, und obendrein bin ich selbst ja auch eine. Männer hingegen haben sich bei mir noch nie ausgeheult. Ich habe gute Freunde, zwei Söhne, und ich bin seit sechzig Jahren verheiratet, aber Männer lassen Emotionales nicht so raus, und deshalb glückt es mir besser, über Frauen zu schreiben.

Sie haben auf der Leipziger Buchmesse viele Bücher signiert. Da waren fast nur Frauen zu sehen. Gibt es überhaupt Männer, die Ihre Bücher lesen?

Noll: Ja, die gibt es. Das sind jene Männer, die von ihren Frauen dazu gezwungen werden, meine Romane zu lesen.

In Ihrem neuen Roman „Goldschatz“ (Diogenes) stehen Heranwachsende im Mittelpunkt. Warum haben Sie sich der jungen Generation zugewandt?

Noll: Ich wollte aufzeigen, dass Erwachsenwerden und die Auseinandersetzung mit sich selbst zu allen Zeiten gleich schwierig ist. Die Gier nach Geld wird auch diesen jungen, idealistischen Menschen zum Verhängnis. Sie werfen die Moral über Bord.

Wie hat sich das Krimi-Genre aus Ihrer Sicht verändert?

Noll: Ich bin sicher keine typische Krimiautorin. Mir geht es in erster Linie um Menschengeschichten.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl

Zur Person

Ingrid Noll wurde 1935 in Shanghai geboren und lebt heute in Weinheim (Baden-Württemberg).Sie gilt als eine der erfolgreichsten deutschen Krimiautorinnen der Gegenwart. Ihre Bücher wurden in 27 Sprachen übersetzt.

Vor ihrer Schriftstellerkarriere versorgte Ingrid Noll ihre drei Kinder und arbeitete in der Arztpraxis ihres Mannes. Nolls erster Roman „Der Hahn ist tot“ (1991) wurde auf Anhieb ein großer Erfolg.