Letztes Update am Fr, 10.05.2019 10:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

US-Autor Gary Shteyngart: „Wir lieben reiche Psychopathen“

Im Wahljahr 2016 stieg US-Autor Gary Shteyngart in den Bus und lernte das andere Amerika kennen. Ein Gespräch über zerbrechliche Perfektion, historische Wegmarken und – natürlich – Donald Trump.

Gary Shteyngart präsentierte seinen Roman „Willkommen in Lake Success“ am Mittwoch in Innsbruck.

© Foto TT/Rudy De MoorGary Shteyngart präsentierte seinen Roman „Willkommen in Lake Success“ am Mittwoch in Innsbruck.



In Ihrem Buch „Willkommen in Lake Success“ schicken Sie einen millionenschweren Hedgefonds-Manager auf Selbstfindungstrip. Er lässt seine Familie und sein sündteures Appartement zurück, steigt in den Bus. Wovor flüchtet er?

Gary Shteyngart: Das ist eine sehr amerikanische Idee: Man kann weiterziehen und sein Leben ändern, sich neu erfinden. Und genau das ist das Problem: Es gibt keine geografischen Lösungen für emotionale Probleme. Mein Pro­tagonist Barry ist ein Schmock in New York – und er bleibt ein Schmock, egal, ob er in El Paso, Texas oder im Süden Kaliforniens nach seiner einst verlorenen Liebe sucht.

Auf den ersten Blick wirkt Barrys Leben perfekt: er, der personifizierte amerikanische Traum, ein New Yorker Selfmade-Millionär.

Shteyngart: Ein Milliardär sogar. Aber seine Welt ist zerbrechlich, die Welt der Hedgefonds ist zerbrechlich: Er verdient viel Geld damit, aber er verbrennt das Geld seiner Kunden. Barry ist getrieben von seinem Anspruch auf Perfektion. Alles muss passen. Mit der Vorstellung, dass sein kleiner Sohn seinem Verständnis von Perfektion nie gerecht werden kann, kann Barry nicht leben. Also erfindet er einen Vorwand, um abzuhauen. Weil er sich ja anderswo als guter Mensch beweisen kann.

Auf seiner Reise im Greyhound-Bus trifft er immer wieder auf Menschen, die ihm dabei helfen könnten. Aber Barry scheint nur darum bemüht, ihnen etwas beibringen zu wollen.

Shteyngart: Ich habe vier Jahre lang viel Zeit mit Bankern und Hedgefonds-Leuten verbracht – und gelernt, dass sie immer alle Antworten für sich gepachtet haben. Selbst wenn sie niemand fragt. Schließlich sind sie erfolgreich. Was sie dabei nicht mitdenken, ist, warum sie erfolgreich sind: Sie sind reich, sie sind männlich, sie sind weiß. Menschen bewerfen sie mit Geld, weil sie die sind, die sie sind. Ganz egal, wie groß die Verluste sind. Das ist die große Tragödie des Landes: Wir feiern die Erfolgreichen, ohne die ungerechten Bedingungen des Erfolgs zu sehen. Denen, die arm sind, werfen wir nicht nur ökonomisches Unglück vor, sondern moralisches Versagen. Sie waren nicht fleißig genug.

Sie haben für den Roman dieselbe Reise gemacht wie Barry, im Bus von einer Küste zur anderen.

Shteyngart: Ohne diese Erfahrung hätte ich das Buch nicht schreiben können. Vieles, das ich schildere, hätte ich nicht erfinden können – ich musste es finden.

Sowohl Barry als auch Sie waren im Sommer 2016 unterwegs: Sie haben auch ein Buch über die Wahl von Donald Trump geschrieben.

Shteyngart: Als ich mich auf den Weg machte, glaubte ich, der Präsidentschaftskandidat Trump sei ein Detail im Hintergrund. So wie es der bunte Zauberwürfel in 80er-Jahre-Filmen ist. Wenn man über den Sommer 2016 schreibt, kommt man an diesem Wahlkampf nicht vorbei. Irgendwann, dachte ich, wird man den Roman lesen und sich erinnern: Ah, das war das Jahr, als ein Reality-TV-Star ernsthaft versucht hat, Präsident zu werden. Schon nach wenigen Tagen im Bus wurde mir klar, dass ich auf der falschen Fährte war. Ich sprach mit Menschen, die überzeugt waren, dass er gewinnen wird – und er gewann. Darauf hätten wir Ostküsten-Intellektuellen keinen Cent gewettet.

Wie erklären Sie sich den Erfolg Trumps?

Shteyngart: Es ist ähnlich wie mit den Hedgefonds-Managern: Trump verkauft Geschichten: Er ist der Größte, der Klügste und der Erfolgreichste. Und er verkauft die Idee der Teilhabe: Jeder, der klug und erfolgreich sein will, sollte auf seiner Seite stehen. Wir lieben reiche Psychopathen. Nicht weil sie Psychopathen sind, sondern weil sie reich sind. Oder erfolgreich vorgeben, es zu sein.

Viele von Trumps Geschichten lassen sich schnell als Lügen enttarnen.

Shteyngart: Darum geht es nicht. Trump ist es schon während des Wahlkampfs gelungen, unser Denken zu kolonialisieren. Zum Teil, weil er Menschen von ihren Sorgen abgelenkt hat. Kein Tag ohne neue Nachricht, ohne irrwitzige Story. Auch seine Präsidentschaft ist wie eine Seifenoper: Keine Episode ohne neue Wendung – und trotzdem geht es immer weiter. Wir Liberalen von der Ost- und Westküste haben ihn für einen Witz gehalten – und Witze gemacht. Inzwischen halte ich das Jahr 2016 für eine der historischen Wegmarken in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Tatsächlich?

Shteyngart: Trump hat die Art, wie Politik funktioniert, verändert. Und er verändert die Institutionen. Vor allem hat er die Art, wie über Politik geredet wird, auf den Kopf gestellt. Aber Trump ist kein amerikanisches Problem: Wenn in Brasilien, einem Land mit mehrheitlich nicht-weißer Bevölkerung, ein Neonazi gewählt wird, müssten eigentlich alle Alarmglocken schrillen. Ich bin kein Experte für europäische Politik, aber mir scheint, dass auch Österreich Gefahr läuft, bedrohlich in Richtung Autoritarismus abzudriften. Trotz der Erfahrungen, die Europa im 20. Jahrhundert gemacht hat. Sagen wir es so: Mit Geschichten lässt sich inzwischen viel Geld verdienen. Nicht nur in der Politik, auch in Silicon Valley. Unternehmen wie Facebook sind aus reinem Gewinnstreben mitverantwortlich für ganz reale Verbrechen in der ganzen Welt.

Sie haben bereits in Ihrem Roman „Super Sad True Love Story“ (2011) mit den Gefahren eines durchdigitalisierten Totalitarismus gespielt. Zur Warnung taugt Literatur demnach nicht.

Shteyngart: „Super Sad True Love Story“ war Science-Fiction. Aber inzwischen ist fast alles eingetroffen. Selbst ein Krieg in Venezuela. Ich befürchte, man kann keine spekulativen Storys mehr schreiben, weil sie von der Realität immer schneller eingeholt werden. Aber es ist auch keine Lösung, nur noch heitere Familiengeschichten zu schreiben. Auch bei „Willkommen in Lake Success“ hatte ich zunächst den, zugegeben naiven, Glauben, dass der Roman manchen jungen Menschen davon abhalten könnte, Banker zu werden.

Die Aussicht auf Reichtum dürfte reizvoller sein.

Shteyngart: Als ich jung war, erschien mir die Wall Street wie das Paradies. Ich kam mit meinen Eltern als Fünfjähriger aus der Sowjetunion. Wir waren arme, aber aufrechte Antikommunisten, glühende Republikaner. Auch ich wollte es schaffen, erfolgreich und vor allem reich werden. Inzwischen weiß ich, wie verkümmert das emotionale Leben der Superreichen ist: Sie haben Frauen, die sie nicht lieben, Kinder, die sie nicht kennen, und Freunde, mit denen sie permanent konkurrieren. Diese Tragödie wollte ich in meinem Roman zeigen. Vielleicht überzeugt das wenigstens den einen oder anderen Zweifler, dass es ganz klug sein könnte, wenn er kein Investmentbanker, sondern Lehrer wird.

Das Gespräch führte Joachim Leitner