Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 14.05.2019


Exklusiv

Daniel Wisser im Interview: „Die ÖVP will sich nach rechts retten“

Für seinen Roman „Königin der Berge“ gewann Daniel Wisser im Herbst den Österreichischen Buchpreis. Am Wochenende erhielt er das Achensee-Literatour-Stipendium. Die TT traf Wisser zum Gespräch.

Daniel Wisser wurde bei der Achensee-Literatour mit dem von der Tyrolia gestifteten Stipendium in Höhe von 1500 Euro ausgezeichnet.

© imago stock&peopleDaniel Wisser wurde bei der Achensee-Literatour mit dem von der Tyrolia gestifteten Stipendium in Höhe von 1500 Euro ausgezeichnet.



Die politische Entwicklung in Österreich empfinden Sie als bedrohlich? Wisser: Bedrohlich empfinde ich, dass sich die Gangart der Regierung, auch im Vergleich zur ersten schwarz-blauen Koalition, verschärft hat. Vor 19 Jahren waren die moralischen Maßstäbe höher. Dass eine bürgerlich-konservative Partei wie die ÖVP aus Machtkalkül mit Rechtsaußen koaliert und so genannte „Einzelfälle“ duldet, finde ich bedrohlich. Derzeit versucht sich eine bürgerliche Partei nach rechts zu retten. Das ist dramatisch. Die FPÖ hat sich ja nicht verändert, sie sagt seit 30 Jahren das Gleiche. Jetzt allerdings mit größerem Selbstbewusstsein. Vor gut einem halben Jahr haben Sie für „Königin der Berge“ (Jung&Jung Verlag) den Österreichischen Buchpreis erhalten. Was hat der Preis verändert? Wisser: Das Interesse am Roman ist gewachsen, was sich auch in den Verkaufszahlen und Einladungen zu Festivals und Lesungen zeigt. Übersetzungen sind in Arbeit. Die erste, ins Estnische, habe ich in der vergangenen Woche in Estland präsentiert. Es gibt Überlegungen in Richtung Film und Theater, aber noch nichts Spruchreifes. Etwas vorlaut gesagt, glaube ich aber auch, dass die Auszeichnung den Buchpreis verändert hat: Als bei der ersten Vergabe vor drei Jahren Friederike Mayröcker ausgezeichnet wurde, wirkte es weniger wie ein Buchpreis, sondern wie die Ehrung einer fraglos verdienten Autorin. Jetzt ist der Österreichische Buchpreis tatsächlich ein Buchpreis, der eine Neuerscheinung aus der Mitte des Angebots würdigt – und einem Buch tatsächlich weiterhelfen kann. In „Königin der Berge“ geht es um selbstbestimmtes Sterben. Ein Thema, das Sie bereits seit Ihrem Zivildienst beschäftigt. Wisser: Es gab über die Jahre unzählige Versuche, zwischen einer halben und gut hundert Seiten. Warum hat sich der Roman so lange gesträubt? Wisser: Ich musste die richtige Form finden. Im Grunde ist der Roman in Ich-Form erzählt, aber der Protagonist spricht von sich in der dritten Person. Diese Pseudoaktorialität, die sich nie von der Hauptfigur löst, brauchte ich. Die Hauptfigur, Herr Turin, ist Mitte 40 und an multipler Sklerose erkrankt. Er will sterben. Trotzdem ist „Königin der Berge“ über weite Strecken ein sehr komisches Buch. Wisser: Wenn man die Dinge vom Ende her angeht, entsteht eine gewisse Absurdität. Ein chronisch Kranker bekommt gesagt, dass er nicht zu viel trinken soll, weil das ungesund ist. Natürlich gibt es die Verbitterung über das eigene Schicksal, aber es eröffnet sich auch eine seltsame Freiheit, wenn einem alles egal sein kann. Diese Fehlstellung hat mich interessiert: Das Happy End für die Hauptfigur wäre der Tod, aber als Leser kann man sich nicht wünschen, dass der Romanheld stirbt. Selbstbestimmtes Sterben ist nach wie vor ein Tabuthema. Wisser: Ich will mit meinem Roman kein Statement abgeben. Sondern dem Dilemma auf wahrhaftige Weise gerecht werden. Ich verstehe den Standpunkt des Kranken, aber ich kann auch den seiner Angehörigen verstehen. Wichtig war mir, dass das Thema nicht verkitscht wird. Es gibt viele Bücher und Filme über Krankheit. Aber ich finde, dass man mit Hollywood-Ästhetik nicht nah genug am Problem dran ist. Wie wichtig war es für den Roman, dass Sie als Zivildiener Kontakt mit chronisch Kranken hatten? Wisser: Sehr wichtig. Ich arbeitete in der Cafeteria. Ich sah die Erkrankten daher weniger als Patienten, sondern als Menschen, die eben jeden Tag viel Zeit in der Cafeteria verbrachten. Im Roman ist die Krankheit gewissermaßen ein Brandbeschleuniger des Konflikts. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass es ein Hauptthema des Romanes ist. Kurz nach dem Gewinn des Buchpreises haben Sie „Romanwut“ der Literaturbranche kritisiert. Was meinen Sie damit? Wisser: Es scheint manchmal so, dass es nur noch Romane geben soll. Jedes Debüt muss ein Roman sein – und wenn es keiner ist, schreibt man es trotzdem drauf. Bei jedem Verlagswechsel gibt es den Wunsch nach einem Roman. Die Folge ist, dass es wahnsinnig viele Romane gibt, die an einem „Halbzeitproblem“ kranken: Am Anfang ist man begeistert, dann sinkt das Interesse rapide. Dann frage ich mich immer, was eigentlich aus dieser schönen Form ohne Gattungsbezeichnung wurde, Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ zum Beispiel, da steht weder Novelle noch Erzählung drauf. „Königin der Berge“ ist zweifellos ein Roman. Wisser: Ja, aber einer, der an der Form des Romans bohrt. Es war mir wichtig, dass man das Buch auch als inneren Monolog lesen kann. Ich wollte der Geschichte eine Form geben, die zur Zeit und zur Sache passt. Es wäre Nonsens, in dieser Form über ein anderes Thema zu schreiben. War es schwierig, Ihren Verlag von dieser Form zu überzeugen? Wisser: Meinen aktuellen nicht. Im Gegenteil, der Verleger Jochen Jung hat sich dafür begeistert, was dazu führte, dass ich das Manuskript erneut aus der Schublade holte. Davor habe ich aber mehrere Ablehnungen kassiert. Aus jenen Gründen, die im Nachhinein gelobt wurden. Aber das war auch bei „Standby“ so, mit dem ich 2011 beim Bachmann-Preis war: Ein Roman in Form einer Gebrauchsanweisung, im Passiv, das geht doch nicht, das will niemand lesen! Mich spornt so was an, wenn man mir eine Norm gibt, dann gehe ich eher in die andere Richtung. Wenn ich in einem Schreibratgeber lese, dass davon abgeraten wird, Sonnenuntergänge zu beschreiben, schreit das doch danach, einen Sonnenuntergang zu beschreiben. Das Gespräch führte Joachim Leitner