Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 04.06.2019


Literatur

Das Drama im Dunkeln

Colson Whitehead erzählt in „Die Nickel Boys“ von Grausamkeiten in einer US-Besserungsanstalt.

Für seinen Roman „Underground Railroad“ erhielt US-Autor Colson Whitehead 2016 den National Book Award und 2017 den Pulitzer-Preis.

© ImagoFür seinen Roman „Underground Railroad“ erhielt US-Autor Colson Whitehead 2016 den National Book Award und 2017 den Pulitzer-Preis.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die Dozier School for Boys in Marianna, Florida, wurde 2011 geschlossen und abgerissen. Als das Feld, auf dem die Besserungsanstalt für Buben stand, 2014 umgegraben wurde, wurden Dutzende im Boden verscharrte Leichen entdeckt. Das, was Überlebende der Schule seit Jahren erzählten, ohne dass ihnen Gehör geschenkt wurde, war nicht mehr zu leugnen: Dozier war für die Insassen, denen nach vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten so genannte Resozialisierung in Aussicht gestellt wurde, die Hölle.

Für seinen neuen Roman „Die Nickel Boys“ fiktionalisiert Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead die von der Tampa Bay Times recherchierten Vorfälle. Zunächst in Form eines nüchternen Chronisten: Ein Gruppe von Architekturstudenten entdecken die Überreste malträtierter Kinderkörper. Das Internat, in dem sie offensichtlich den Tod fanden, heißt im Roman Nickel. Nicht etwa, wie einst die geschundenen Insassen mutmaßten, weil das Leben dort keinen Nickel, also keine fünf Cent wert wäre, sondern, weil es sich der Schulgründer, ein weithin geachteter Reformpädagoge namens Trevor Nickel, nicht nehmen ließ, den Folterkeller nach sich selbst zu benennen. Bereits im Prolog wird auch Elwood Curtis eingeführt, ein ehemaliger Nickel-Junge, der die Wellen, die die Entdeckung schlägt, mit Skepsis beobachtet. Trotzdem ist für ihn klar, dass er an jenen dunklen Ort, der sein Leben schon in jungen Jahren zerstörte, zurückkehren muss.

Dann springt Whitehead zurück in die Südstaaten der 1960er-Jahre – und stellt Elwood als hoffnungsvollen Buben vor. Er ist ein guter Schüler, lebt mit seiner liebevoll strengen Großmutter im Schwarzenviertel von Tallahassee und bewundert Martin Luther King. Es könnte also etwas aus ihm werden, wenn sich Schicksal und das bis heute allgegenwärtige Gebräu aus vorurteilsgesättigtem Rassismus und Gewaltbereitschaft nicht gegen ihn verschworen hätten. Elwood, der Bub, der alles werden hätte können, landet in Nickel – und er wird dort gebrochen. Er wird überleben, weiterleben aber kann er lange nicht.

Colson Whitehead, der sich in Romanen wie „Zone One“ oder dem vielfach ausgezeichneten „Underground Railroad“ der Möglichkeiten magisch-realistischen Erzählens bediente, bleibt in seinen Schilderungen unvorstellbarer Grausamkeit betont sachlich. Und es ist diese beinahe lakonische Sachlichkeit, die „Die Nickel Boys“ zur ungeheuerlichen Lektüre macht: Nickel, das bedeutet alles umfassende Ausweglosigkeit, absolute Entmenschlichung. Hier gibt es keine Helden, nur widerspruchslos ertragene Ohnmacht. „Die Nickel Boys“ ist ein schonungsloses Buch über monströsen Missbrauch, über Machtrausch und kühl berechnende Verbrechen, die töteten, und totgeschwiegen und vertuscht wurden. Und die erst öffentlich wurden, als es zu spät war.

Roman Colson Whitehead: Die Nickel Boys. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Hanser Verlag, 222 Seiten, 23,70 Euro.