Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.06.2019


Kaiser-Max-Jahr

“Ambraser Heldenbuch“: Eine digitalisierte Kostbarkeit

Das einzigartige „Ambraser Heldenbuch“ von Kaiser Maximilian I. kann nun in zwei Ausstellungen auf digitalem Weg entdeckt werden.

Mario Klarer ist Projektleiter von „Maximilian goes digital“. In der Innsbrucker Hofburg kann man das „Ambraser Heldenbuch“ kennen lernen.

© Vanessa Rachle / TTMario Klarer ist Projektleiter von „Maximilian goes digital“. In der Innsbrucker Hofburg kann man das „Ambraser Heldenbuch“ kennen lernen.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Im Original des „Ambraser Heldenbuchs“ könnte man nicht einfach herumblättern, denn selbst frisch gewaschene Hände würden diesem kostbaren Prunkkodex Schaden zufügen. Die aktuelle Maximilian-Ausstellung in der Innsbrucker Hofburg bietet nun die Möglichkeit, dieses einzigartige Werk, das Kaiser Maximilian im frühen 16. Jahrhundert in Auftrag gab, auf digitalem Weg kennen zu lernen. Langweilig wird es vor dem Touchscreen auf keinen Fall. Neben Figuren von Rittern begegnen einem lebensecht anmutende Tiere, Heuschrecken, Maikäfer oder Bienen. Botanisch Bewanderte erkennen mühelos heimische Wiesenblumen, zum Beispiel Margeriten oder Vergissmeinicht in verschiedenen Wachstums­phasen. Die Schrift allerdings stellt den Leser vor ein Rätsel, denn die kunstvoll, aber dicht beschriebenen Blätter sind kaum zu entziffern, aber auch dafür gibt es Hilfestellungen, etwa eine Erklärung der Buchstaben. Bei einem Quiz kann man sein Wissen sogar spielerisch unter Beweis stellen.

Mario Klarer ist Professor am Institut für Amerikastudien an der Universität Innsbruck und Projektleiter von „Kaiser Maximilian goes digital“. Über das „Ambraser Heldenbuch“ hat er auch eine lesenswerte Publikation im Böhlau Verlag herausgegeben. Es ist auf seine Initiative zurückzuführen, dass diese Prunkhandschrift auf digitalem Weg einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die TT hat den rührigen Wissenschafter getroffen und mit ihm über dieses einzigartige, aber auch rätselhafte Buch-Kunstwerk gesprochen.

Wie der Name schon andeutet, wurde das „Ambraser Heldenbuch“ bis zu den Napoleonischen Kriegen auf Schloss Ambras aufbewahrt. Heute befindet sich der Kodex in der Österreichischen Nationalbibliothek. „Allein seine Größe ist beachtlich, denn im aufgeschlagenen Zustand ist das Werk über einen Meter breit und umfasst 250 großformatige Pergamentblätter“, sagt Mario Klarer. Der Forscher weist jedoch auf einen erstaunlichen Umstand hin, nämlich, dass die Machart dieses Buches für die damalige Zeit schon ziemlich altmodisch war, denn der Text wurde von Hand geschrieben, obwohl der Buchdruck um 1500 bereits in voller Blüte stand. Pergament, das meist aus Häuten von Kälbern oder Schafen hergestellt wurde, war längst von Papier abgelöst worden. War Maximilian I. etwa ein Nostalgiker? Ein Buch, soviel steht fest, von Hand auf Pergament geschrieben, war aber gewiss schon damals eine Kostbarkeit.

Warum gab Maximilian I. dieses Werk in Auftrag? „Diese Frage kann nicht bis ins Letzte beantwortet werden, aber historische Quellen liefern Hinweise“, sagt Klarer. Man weiß, erläutert der Wissenschafter, „dass Maximilian I. den Freskenzyklus auf Schloss Runkelstein kannte. Dort sind ritterliche Heldengeschichten, u. a. auch ‚Tristan und Isolde‘ dargestellt.“ Man vermutet also, dass dieser Freskenzyklus Maximilian möglicherweise dazu veranlasste, diese Bildgeschichten in einem Buch zu verschriftlichen. Bekannt ist auch, dass der Bozner Zöllner und Urkundenschreiber Hans Ried den gesamten Kodex geschrieben hat. Die Pflanzen- und Tierdarstellungen, sagt Klarer, „wurden allerdings erst im Nachhinein ergänzt und erfüllen rein dekorative Zwecke“. Es ist bekannt, dass Maximilian die Tiroler Natur schätzte. Es könnte sein, so Klarers These, „dass Maximilian I. deshalb die Tiroler Fauna und Flora in diesem Kodex verewigen wollte“.

Aber nicht nur die Ausstattung dieses Werkes ist einzigartig, sondern auch sein Inhalt. Klarer erklärt, warum: „Das Ambraser Heldenbuch ist eine der wichtigsten, aber auch umfangreichsten Sammlungen von mittelalterlicher Literatur im deutschsprachigen Raum. Es beinhaltet 25 Texte, u. a. das Nibelungenlied. 15 Texte sind sogar Unikate und ausschließlich in diesem handgeschriebenen Werk überliefert, dazu zählen ‚Erec‘ oder ‚Moriz von Craûn‘.“

Klarers Forscherteam will den Kodex zur Gänze transkribieren, um so zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Für die Ausstellung in der Hofburg konnte Mario Klarer außerdem eine halbe Million Euro Sponsoren- und Fördergelder aufbringen. Derzeit engagiert er sich dafür, dass das digitalisierte „Ambraser Heldenbuch“ auch in der Maximilian-Schau im New Yorker Metropolitan Museum gezeigt wird.

Vom „Ambraser Heldenbuch“ gibt es momentan zwei digitale Präsentationen, eine in der Hofburg und eine zweite im Museum Goldenes Dachl. Dort werden Bilder des Werkes auf ein geöffnetes Buch projiziert, in dem Museumsbesucher blättern dürfen. Während man über das Papier streicht, entsteht der Eindruck, sich in ein Buch vertiefen zu können, in dem schon einst Kaiser Maximilian I. gelesen hat.