Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 18.06.2019


Literatur

Der Weiterdenker: Philosoph Jürgen Habermas wird heute 90

Jürgen Habermas zählt zu den bedeutendsten und streitbarsten Philosophen der Gegenwart. Heute wird er 90 Jahre alt.

Vernunft als Voraussetzung für die Verständigung: Jürgen Habermas, geboren heute vor 90 Jahren in Düsseldorf, zählt zu den herausragenden Vertretern der Kritischen Theorie.

© www.imago-images.deVernunft als Voraussetzung für die Verständigung: Jürgen Habermas, geboren heute vor 90 Jahren in Düsseldorf, zählt zu den herausragenden Vertretern der Kritischen Theorie.



Frankfurt a. M. – 1994 ging Jürgen Habermas als Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt in Pension. Von Ruhestand konnte seither aber keine Rede sein: Habermas, einer der weltweit meistdiskutierten Philosophen und Gesellschaftswissenschafter, mischt sich ein – und er mischt auf. Ende September soll seine jüngste Studie erscheinen: „Auch eine Geschichte der Philosophie“ dürfte – laut Ankündigung des Suhrkamp Verlages – rund 1700 auf zwei Bände aufgeteilte Seiten umfassen – und die Beziehung von Denken und Glauben erörtern, die verzahnte und an Reibung reiche Geschichte der Religion und Philosophie nachzeichnen. „Ein intellektueller Höhensprung“, versichern Vorableser. Der vorerst letzte einer langen Reihe: Habermas, das ist Höhenkamm-Philosophie, fraglos brillant und ungemein hellsichtig, aber sperrig, unheimlich kompliziert – und in seiner Kompliziertheit auch für durchaus versierte Leserinnen und Leser einigermaßen unheimlich.

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen besitzen Habermas’ Einlassungen besonderes Gewicht: Habermas, der seit seinen akademischen Anfängen auch für Zeitungen schrieb, ist kein lauter Polemiker, kein Dauerlieferant griffiger Thesen zum Tag, sondern durchaus unbequemer Nach- und Weiterdenker, der ohne den Gestus des Welterklärers auskommt. Die öffentliche Rolle des politischen Intellektuellen verkörpert er seit mehr als fünf Jahrzehnten „quasi in Person“, erklärt der Erfurter Philosoph Roman Yos, dessen Untersuchung „Der junge Habermas“ pünktlich zum heutigen 90. Geburtstag von Jürgen Habermas erschienen ist. 1953 sorgte der damals 24-jährige Doktorand Habermas erstmals für Aufsehen: In einem Artikel in der FAZ problematisierte er Martin Heideggers fragwürdige Ausführung über „Wahrheit und Größe“ des Nationalsozialismus und beschrieb – ganz ohne denunziatorischen Furor – die verhängnisvolle Selbstgerechtigkeit des großen Seins-Denkers.

Schnell machte Habermas auch akademische Karriere: Seine 1961 eingereichte Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gilt bis heute als bahnbrechend. In ihr ist im Grunde bereits angelegt, was sein umfang- und facettenreiches Werk fortan prägen wird: Habermas untersucht die Voraussetzungen von Verständigung. Wer redet mit wem über was? Wodurch wird Verständnis bedingt? Was muss gelten, damit sich – in seinen Worten – „der zwanglose Zwang des besseren Arguments“ durchsetzt?

1964 übernahm Habermas von Max Horkheimer (1895–1973) den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt, den er zunächst bis 1971 innehatte – in der Zeit der Studentenbewegung. Viele „68er“ beriefen sich auf ihn und sahen ihn und die von ihm vorangetriebene „Frankfurter Schule“ als kritisch-theoretische Impulsgeber. Doch als die Bewegung sich radikalisierte, übte Habermas offen Kritik an ihr.

In seinem Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) entwarf er eine Art Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft. Seiner Theorie zufolge liegen die Norm setzenden Grundlagen einer Gesellschaft in der Sprache. Als Verständigungsmittel ermögliche sie erst soziales Handeln.

Die Strahlkraft des Habermas’schen Werks wirkt bis heute fort. Immer wieder beteiligt er sich an den großen gesellschaftspolitischen Debatten der Zeit: Im so genannten Historikerstreit verbat er sich die Relativierung (und die dadurch drohende Verharmlosung) nationalsozialistischer Verbrechen. Zuletzt machte er sich für den Ausbau der Europäischen Union zu einer transnationalen Demokratie stark – und brach als bekennender Agnostiker eine Lanze für die ethische Kraft der Weltreligionen. „Wann immer es um den Zustand nationaler Befindlichkeiten oder um die Gegenwart und Zukunft Europas schlecht bestellt schien, durfte man mit seiner öffentlichkeitswirksamen Wortmeldung rechnen“, schreibt Roman Yos.

Interview-Anfragen im Vorfeld seines Geburtstags ließ Jürgen Habermas von seinem Verlag höflich, aber bestimmt ablehnen. Dafür ist er dieser Tage zu beschäftigt. (dpa, TT)