Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 21.06.2019


Nationalsozialismus

Bund deutscher Mädel: Vom Schweigen durchwachsen

In ihrem Buch „Sind wir eigentlich schuldig geworden?“ lässt die Innsbrucker Historikerin Claudia ?Rauchegger-Fischer 30 Tiroler Mitglieder der ersten Stunde des „Bunds deutscher Mädel“ zu Wort kommen.

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© Foto TT/Rudy De Moor



Was hat Ihr Interesse geweckt, sich mit dem „Bund deutscher Mädel" (BDM) so intensiv auseinanderzusetzen?

Claudia Rauchegger-Fischer: Als gelernte Historikerin habe ich vor ein paar Jahren vom Land Tirol den Auftrag erhalten, Material über die NS-Zeit in Tirol didaktisch aufzubereiten. Mein Thema war das Alltagsleben in dieser Zeit, und bei Interviews mit Frauen bin ich auf den „Bund deutscher Mädel" gestoßen. Und das aus rein biologischen Gründen im allerletzten Moment, sind die 30 Frauen, die ich befragen konnte, doch zwischen 1911 und 1933 geboren.

Der Titel Ihres Buches, „Sind wir eigentlich schuldig geworden?", suggeriert, dass es mit dem Unrechtsbewusstsein der Befragten nicht weit her ist.

Rauchegger-Fischer: Der Titel ist sicher provokant. Mir geht es allerdings weniger um die Frage von Schuld als um die von Mitverantwortung als Teil einer riesigen Mördermaschinerie. Wobei für mich anfangs schon sehr irritierend war, dass nur eine der Befragten diese persönliche Problematik kritisch reflektiert. Der Rest war durchwachsen von tiefem Schweigen.

Was schon verwunderlich erscheint, haben die meisten dieser Frauen doch Kinder, die ihnen wahrscheinlich kritische Fragen zu dieser Zeit gestellt haben dürften.

Rauchegger-Fischer: Meine Vermutung ist, dass diesbezüglich eher die Väter mit unangenehmen Fragen konfrontiert worden sind als die Mütter. Hier ist offensichtlich sehr viel tabuisiert worden.

Der „Bund deutscher Mädel" war ja die Mädchenabteilung der Hitlerjugend.

Rauchegger-Fischer: Ja, von 1933 bis 1938 war der BDM in Österreich illegal, sozusagen eine verbotene Untergrundorganisation, ab dem Anschluss Österreichs war die Mitgliedschaft allerdings Pflicht für alle 14- bis 18-Jährigen. Vor 1938 hatte der BDM rund 450 Mitglieder in Tirol, dann Tausende.

Wodurch sich ein großer Bedarf an Führerinnen ergab, die sich, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, hauptsächlich aus den ehemaligen Illegalen rekrutierten.

Rauchegger-Fischer: Sie machten nach 1938 sozusagen Karriere beim BDM. Waren sie doch durch die Bank glühende Nationalsozialistinnen, wobei der primäre Ort der Rekrutierung das Mädchengymnasium in der Sillgasse war. Wohin damals sowohl deutsch-national gesinnte wie jüdische oder protestantische Eltern ihre Töchter schickten.

Wie wichtig war der braune familiäre Hintergrund bei diesen BDM-Führerinnen?

Rauchegger-Fischer: Das war sehr entscheidend. Wobei besonders die Rolle der Väter, die oft ehemalige Corpsstudenten bzw. Burschenschafter waren, in diesem Zusammenhang ganz entscheidend war.

Wobei im Gegensatz zu der männlichen Hitlerjugend beim BDM nicht die zukünftigen Soldaten, sondern wohl die Mütter von morgen ideologisch auf Linie gebracht werden sollten.

Rauchegger-Fischer: Ich glaube, es ging weniger um die Erziehung der zukünftigen Mutter als um die der frischen, gesunden, Sport betreibenden Kameradin des Mannes, die zwar nicht ganz gleichberechtigt ist, aber an dem großen nationalsozialistischen Aufbauwerk mitarbeiten soll.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Antisemitismus?

Rauchegger-Fischer: Dieser wurde den „deutschen" Mädels bei Heimabenden subkutan vermittelt.

Die meisten der Mädchen kamen zwar aus gutbürgerlichen Milieus, manche nutzten den BDM aber auch als Chance für den sozialen Aufstieg.

Rauchegger-Fischer: Ja, neben den „höheren Töchtern" gab es ehrgeizige Aufsteigerinnen aus ganz einfachen Verhältnissen, die als BDM-Führerin schlicht und einfach die Aussicht auf einen Beruf orteten.

Liest man die von Ihnen gemachten Interviews, wird von fast allen die Gemeinschaft unter den Mädels beschworen.

Rauchegger-Fischer: Und zwar die Volksgemeinschaft, die die sozialen Gegensätze aufhebt. Das wurde von der nationalsozialistischen Führung sehr schlau gemacht.

Was haben die Mädchen eigentlich gewusst, etwa, was sich in den Konzentrationslagern abspielt?

Rauchegger-Fischer: Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt hat. A priori wollen sie alle nichts gewusst haben. Man sieht halt immer nur das, was man sehen will. Aber natürlich sind Jüdinnen aus den Klassen verschwunden, irgendwo „nach unten". Und dass die jüdischen Geschäfte in Innsbruck geschlossen werden mussten, war den von mir Interviewten sehr recht. Obwohl sie alle zugeben mussten, persönlich keine schlechte Erfahrungen mit Juden gemacht zu haben. Das ist gleich wie heute mit den Flüchtlingen. Es gibt immer die anderen, die scheinbar weniger wert sind. Außerdem glaubte man fest daran, einer gerechten Sache zu dienen.

Was für Konsequenzen hatten die BDM-Führerinnen nach dem Krieg zu erwarten?

Rauchegger-Fischer: Für die hauptamtlich angestellten Führerinnen hatte es mehr oder weniger massive Konsequenzen. Eine wurde eingesperrt, die Entnazifizierung verlief für die meisten aber recht glimpflich. Sie mussten allerdings Sühneleistungen erbringen, indem sie etwa bei französischen Besatzungsfamilien putzen oder Trümmer von der Straße wegräumen mussten. Und die Lehrerinnen unter ihnen wurden bis zur Amnestie 1948/49 aus dem Schuldienst entlassen. Wirklich Karriere haben sie allerdings alle nicht mehr gemacht.

Sie sind selbst Lehrerin. Was weiß die heutige Jugend über die NS-Zeit?

Rauchegger-Fischer: Je nach Engagement der Lehrer. Meine Schüler wissen jedenfalls viel über diese Zeit. Aber es ist heute Standard, dass man zu Gedenkstätten wie Dachau und Mauthausen fährt. Doch die große Frage des Mitläufertums breiter Bevölkerungsmassen wird noch immer viel zu wenig thematisiert.

Glauben Sie, dass Ähnliches wieder passieren könnte?

Rauchegger-Fischer: Das zu beurteilen, traue ich mich nicht. Aber es gibt immer die anderen, es sind heute nur andere andere. Die Menschenrechte sind scheinbar noch immer nicht in die Köpfe der Menschen implementiert.

Das Gespräch führte Edith Schlocker