Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 24.06.2019


Literatur

“Hinter Glas“: Starkes Herz ohne Irrsinn

Autorin Julya Rabinowich erzählt in ihrem ergreifenden Roman von einem Mädchen, das schon früh lernen muss, sich in einer destruktiven Welt allein zurechtzufinden.

Autorin Julya Rabinowich.

© Michael MazohlAutorin Julya Rabinowich.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Nichts erwarten Eltern sehnsüchtiger als das erste Wort ihres Kindes. Manchmal schließt sich dieses kommunikative Zeitfenster aber unerwartet rasch und dieser heranwachsende Mensch, den man einst so nah bei sich wähnte, scheint unendlich weit entfernt, als wäre er in eine andere Welt entschwunden.

Der neue Roman der 1970 in St. Petersburg geborenen Schriftstellerin Julya Rabinowich mit dem Titel „Hinter Glas“ (Hanser) erzählt von genau dieser Situation, nur dass es den Eltern in diesem Roman nicht auffallen will, dass sich ihre Tochter Alice von ihnen zurückgezogen hat. Dabei hätte das Mädchen großen Erzählbedarf, denn es wird von garstigen Kolleginnen in der Schule gemobbt. Die Eltern beschäftigen aber ganz andere Sorgen. Wenn der Vater etwa von einer Geschäftsreise zurückkehrt, dann unterliegt er dem Terrorregime seines eigenen Vaters, eines unberechenbaren Cholerikers, der, wie es heißt, „seine Tobsuchtsanfälle braucht wie Medizin“. Auch Alices Mutter erduldet diese Demütigungen, denn es sind finanzielle – also existenzielle – Abhängigkeiten, die jegliche Auflehnung im Keim ersticken und das Elternpaar permanent in einen wortlosen Panikzustand versetzen. Alice ist in diesem toxischen Gefüge gefangen, und für sie sind die düsteren Facetten von psychischer und physischer Gewalt längst alltäglich geworden. Trotzdem versucht ihre Mutter, den Schein zu wahren: Perfekt gestylt stolziert sie durch das blank geputzte Haus, in dem aber selbst dem zaghaftesten Aufkeimen von Emotionen der Garaus gemacht wird als wären sie gefährliche Bakterien. Rabinowich veranschaulicht diese Gefühlskälte geschickt daran, wie zum Beispiel in der Familie mit Gegenständen umgegangen wird. So heißt es etwa: „Neben ihr stand eine kleine elfenbeinfarbene Milchkanne mit Goldrand, die so eine schöne bauchige Rundung besaß, dass ich sie als Kind immerzu hatte streicheln wollen. Durfte ich nie. Ein Erbstück.“

Zerbrechlichkeit ist in diesem Roman ein durchgängiges Motiv, das den Lesenden regelrecht dazu zwingt, sich selbst die Frage zu stellen, ob Zerbrochenes jemals wieder zu einem heilen Ganzen zusammengefügt werden kann. Alice jedenfalls hat Angst davor, dass in ihrem Leben etwas unwiederbringlich zerbrechen könnte, und flüchtet, wie einst Alice im Wunderland, in eine Welt, die sie vor Rätsel stellt. Plötzlich tritt ein Junge namens Nico in ihr Leben. Diese Liebesgeschichte ist zauberhaft und in Anbetracht des düsteren Romanstoffes überraschend witzig erzählt. So sagt Alice an einer Stelle: „Ich war ganz sicher, ein starkes Herz zu brauchen. Aber wenn möglich ohne Irrsinn als Zugabe.“ Rabinowich beschenkt ihre Leserschaft außerdem mit poetischen Sätzen, einer davon lautet: „Nähe kann man speichern. Auf jedem Hautzentimeter.“ Alice wird zur Ausreißerin, doch Nico verändert sich an ihrer Seite zunehmend und stellt die junge Frau vor eine schwere Entscheidung.

„Hinter Glas“ ist eigentlich für eine jugendliche Zielgruppe gedacht, aber es wäre ein großer Erkenntnisverlust, wenn Erwachsene diesen Text deshalb beiseiteschieben würden, denn dieses Buch könnte auch ein wertvoller Ratgeber in Erziehungsfragen sein. Rabinowich liefert nämlich präzise Einblicke in familiäre Beziehungskonstellationen und zeichnet ungemein sensibel das Innenleben eines heranwachsenden Mädchens nach, das die Kraft aufbringt „Nein“ zu sagen, und zeigt, dass weibliche Emanzipation schon sehr früh beginnen muss.




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