Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 26.06.2019


Literatur

43. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb: Wrestling am Wörthersee

Viele Autorinnen, böse Buben und ein unbeschriebenes Blatt: Heute Abend startet der 43. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Ab morgen wird gelesen.

Die Jury des Bachmann-Wettbewerbs hat heuer mehrheitlich Autorinnen nach Klagenfurt eingeladen.

© ORF-KDie Jury des Bachmann-Wettbewerbs hat heuer mehrheitlich Autorinnen nach Klagenfurt eingeladen.



Klagenfurt, Innsbruck — Der kompetitive Charakter des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis wurde bereits vielfältig beschrieben: Der alljährliche „Betriebsausflug der Literaturbranche" an den sommerlichen Wörthersee galt — in den Zeiten des zeternden Verreißers Marcel Reich-Ranicki zum Beispiel — als „Spanische Inquisition", der langjährige Jury-Chef Burkhard Spinnen sprach später am Höhepunkt der televisionären Vorsing-Welle von einer „literarischen Casting-Show" — und Nora Gomringer, Preisträgerin 2015 und seit dem Vorjahr selbst Jurorin, freute sich schon als Studentin auf den „Germanisten-Porno" um den Bachmann-Preis.

Vielleicht sind die Tage der deutschsprachigen Literatur ab heute Abend um eine knackige Umschreibung reicher: das Wettlesen als Wrestling-Match. Clemens J. Setz, vielgewürdigter Schriftsteller und Experte für den kundigen Blick hinter knallige Showkampf-Kulissen, jedenfalls wird die 43. Auflage des Bachmann-Wettbewerbs heute mit einer „Klagenfurter Rede zur Literatur" eröffnen, die sich der Beziehung von Literatur und Kayfabe widmen soll. Kayfabe, so weit, so Google, ist ein Fachbegriff aus dem Wrestling, der, unzulässig vereinfacht gesprochen, die von Autoren verbrochenen Handlungsbögen vor, nach und während der einzelnen Kämpfe meint. Kurzum: das Narrativ, dem die Wrestling-Welt folgt, solange die Kameras laufen.

Das Wort dürfte auf einen silbenverdrehenden Geheimniskrämer-Slang zurückgehen — und einst „fake" oder „Erfindung" bedeutet haben. Was wiederum recht gut zum wohl namhaftesten Vorleser passt, der heuer nach Klagenfurt geladen wurde: Der Schweizer Tom Kummer galt in den 1990er-Jahren als Edelfeder und Interview-Großmeister einschlägiger Glitzergazetten — und entpuppte sich 2000 als Claas Relotius avant la lettre, als Hochstapler also, der Superstars von Sharon Stone bis Mike Tyson hochpoetische Weltweisheiten in den Mund legte. Jahre später wurden dem auf Bewährung schreibenden „Borderline-Journalisten" weitere wortgewaltige Plagiate nachgewiesen. Auch sein 2017 erschienenes autobiografisches Trauerbuch „Nina & Tom", das um den Tod seiner Frau kreist, setzt sich, wie seinerzeit die Süddeutsche Zeitung nachwies, bisweilen aus ungemein effektiv montierten Fremdtexten — von Frédéric Beigbeder bis Kathy Acker — zusammen. Juror Michael Wiederstein hat ihn trotzdem nach Klagenfurt eingeladen — und vielleicht ist „Bad Boy Kummer" (so hieß ein Film über den tief gefallenen Hochstapler) dadurch endlich angekommen, wo er immer schon hingehörte: im Ring der Literatur.

Insgesamt konkurrieren heuer 14 Autorinnen und Autoren beim Bachmann-Preis, sechs davon stammen — siehe Infokasten links — aus Österreich. Erstmals in der 43-jährigen Geschichte des Wettbewerbs ist das Teilnehmerfeld mehrheitlich weiblich: Acht Autorinnen und sechs Autoren wurden von der Jury nominiert. Darunter mit dem 23-jährigen Deutschen Daniel Heitzler auch ein bislang vollkommen unbeschriebenes Blatt: Er hat bis heute nicht einen Satz veröffentlicht — aber mit Unveröffentlichtem das Vertrauen von Jury-Vorsitzendem Hubert Winkels gewonnen, der ihn prompt nach Klagenfurt eingeladen hat. Ingeborg Bachmann habe er davor gekannt, den nach ihr benannten Wettbewerb nicht.

Heute Abend wird die Lesereihenfolge des anstehenden Wort-Wrestlings ausgelost. Ab morgen, 10 Uhr, wird gelesen. 3Sat überträgt live, der ORF streamt. Sonntagmittag werden die insgesamt fünf Preise vergeben. Der Ingeborg-Bachmann-Preis selbst ist mit 25.000 Euro dotiert. Im Vorjahr wurde die in Wien lebende Ukrainierin Tanja Maljartschuk ausgezeichnet. (jole)

Austro-Sextett geht beim Wettlesen an den Start

Leander Fischer

Newcomer. Der 27-jährige Oberösterreicher studierte Schreiben in Hildesheim. Sein erster Roman ist in Arbeit. Sein Klagenfurt-Text soll eine Ahnung davon vermitteln.

Ines Birkhan

Sprachbildhauerin. Ines Birkhan, Jahrgang 1974, studierte Bildhauerei bei Alfred Hrdlicka und Tanz in Amsterdam. 2017 erschien ihr Roman „Untot, du geteilte Welt" (Verl. der Provinz).

Sarah Wipauer

Twitterantin. Sarah Wipauer (33) studierte u. a. in China, sie arbeitet in der Servicestelle des urgeschichtlichen Instituts der Uni Wien — und veröffentlicht als @standseilbahn literarische Mini-Miniaturen auf Twitter.

Birgit Birnbacher

Der soziologische Blick. Birgit Birnbachers Romandebüt „Wir ohne Wal" erfuhr 2016 viel wohlwollende Aufmerksamkeit. In Klagenfurt wird die studierte Soziologin einen Text über prekäre Arbeitswelten lesen.

Julia Jost

Bühnenerprobt. Die Kärntnerin Julia Jost lebt in Hamburg und reüssierte bislang als Theaterregisseurin — u. a. mit Josef Winklers „Roppongi" am Landestheater Niederösterreich.

Lukas Meschik

Musikalischer Fabulierer. Lukas Meschik (30) war Sänger der Band Filou und 2013 Stadtschreiber in Kitzbühel. Sein neuer Roman „Vaterbuch" erscheint im Juli im Innsbrucker Limbus-Verlag.