Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 28.06.2019


Literatur

Bachmann-Preis: Gespenstisch, düster und furios

Am Donnerstagvormittag hat das Wettlesen um den 43. Ingeborg-Bachmann-Preis begonnen. Die Texte der Autorinnen sorgen für kontroverse Jury-Diskussionen.

Mit etwas zittriger Stimme trug die 33-jährige Wienerin Sarah Wipauer gestern in Klagenfurt „Raumstation Hirschstetten“ vor.

© APAMit etwas zittriger Stimme trug die 33-jährige Wienerin Sarah Wipauer gestern in Klagenfurt „Raumstation Hirschstetten“ vor.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Die Nervosität war der Wienerin Sarah Wip­auer ins Gesicht geschrieben. Die 33-Jährige war nämlich die erste der zwei österreichischen Autorinnen, die am Donnerstag ihren Text beim Wettlesen um den 43. Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt präsentieren durfte. Mit äußerst zurückhaltendem Tonfall las Wipauer aus ihrem Beitrag „Raumstation Hirschstette­n“, in dem es ziemlich gespenstisch zugeht. Wie der Titel schon andeutet, entführt Wip­auer, die bisher noch nie ein Buch veröffentlicht hat, ihre Zuhörer ins Weltall. Dabei erzählt sie die Lebensgeschichte der Familie von Pirquet, die sich schließlich als Geister auf einer Raumstation wiedertreffen. Begeisterungsstürme löste dieser Beitrag bei der Jur­y nicht aus, so kritisiert­e Michael Wiederstein etwa sein­e mangelnde Sogwirkung, während Nora Gomringer den Text „sprachlich gut aufgelöst“ fand. Einen furiosen Auftritt legte die zweite Österreicherin hin: Die aus Kärnten stammende Julia Jost las aus ihrem Text „Unweit vom Schakaltal“, in dem die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu einem zentralen literarischen Thema wird. Aus der Perspektive eines Kindes erzählt die 36-Jährige von der Zusammenkunft einiger Kinder im Wald, wo selbst unter den Jüngsten ein­e Stimmung von Macht und Missbrauch herrscht. Im Hintergrund agieren die Erwachsenen, denen faschistoid­e Züg­e eingeschrieben sind. Dieser literarische Beitrag schien die Jury zu überzeugen, so lobte Stefan Gmünder etwa seine „visuelle Kraft, ohne zu überdrehen“, obwohl Insa Wilke in seiner Vorhersehbarkeit eine Schwäche zu erkennen glaubte.

Auch am heutigen Freitag werden die hitzigen Diskussionen weitergeführt, vor allem die Lesung von Skandalautor Tom Kummer wird mit Spannung erwartet. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt hoffen 14 Autorinne­n und Autoren auf den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sechs Teilnehmer kommen heuer aus Österreich und erstmals sind mehr Fraue­n als Männer dabei.