Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 23.07.2019


Roman

Mörderische Mutmaßungen: „Als ich jung war“ von Norbert Gstrein

In seinem neuen Roman „Als ich jung war“ warnt Norbert Gstrein nicht nur vor den Gefahren voreiliger Schlüsse – er führt auch vor, wie schnell aus einer ungestümen Unbedachtheit ein Verbrechen werden kann.

Norbert Gstrein wurde im Vorjahr mit dem Kunstpreis der Stadt Innsbruck ausgezeichnet.

© Thomas BöhmNorbert Gstrein wurde im Vorjahr mit dem Kunstpreis der Stadt Innsbruck ausgezeichnet.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Mit dem Glauben ist es so eine Sache: Glauben setzt Vertrauen voraus. Man glaubt etwas, weil man den, der erzählt, für vertrauens- und glaubwürdig hält. Oder man glaubt, weil sich das Erzählte richtig, also nachvollziehbar, naheliegend anhört. Man glaubt Erzählungen, weil sie plausibel sind. Oder weil sie gut erzählt sind.

Was aber, wenn das Vertrauen schwindet? Weil sich heimlich, still und leise Widersprüche einschleichen zum Beispiel. Oder, weil sich schon bei leichter Perspektivveränderung, durch eine neue Information, ein weiteres Detail, ein ganz anderes Bild ergibt. Oder weil das Bild, an das man bislang als Wahrheit glaubte, nur ein Teil eines ganz anderen Bildes ist.

„Weil“, das stellt der Ich-Erzähler in „Als ich jung war“, dem neuen Roman des Tiroler Autors Norbert Gstrein, klar, „weil“ sei „ein gefährliches Wort“. Es stellt Verbindungen her, führt zu vielleicht voreiligen, vielleicht falschen Schlüssen. „Weil“ behauptet Eindeutigkeiten, „zumal es nahelegt, man habe etwas verstanden, wo man vielleicht gar nichts verstanden hatte“.

So spricht einer, dem seine Umwelt, Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen machen. Einer, der gelernt hat, dass man alles erzählen kann, wenn man erzählen kann. Einer, der – schon ganz früh im Roman – festhält: „Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhandengekommen sein.“ „Als ich jung war“ ist also die Geschichte eines allzu Gutgläubigen, der dem Glauben abschwört, der selbst der eigenen Erinnerung nicht traut, weil auch Erinnerung letztlich nur Erzählung ist – und, um glaubwürdig zu bleiben, nach Versicherungen sucht, nach Mustern, nach Erklärhilfen, nach „weils“. Aber Norbert Gstrein wäre nicht Norbert Gstrein, wenn die eh schon komplizierte Sache so simpel wäre.

Franz, der Ich-Erzähler, kommt nach 13 Jahren als Skilehrer in Wyoming ins „tiefste Tirol“ seiner Jugend zurück. Er hat es einst nach einem Todesfall mit einer Reihe von Ungereimtheiten – eine Braut stürzte unweit vom elterlichen Gasthof vom Schlossberg in ihrer Hochzeitsnacht in den sicheren Tod. Ausschließen lässt sich Fremdverschulden nicht. Trotzdem wandert der Fall bald als Selbstmord zu den Akten. Franz’ überstürztes Amerika-Abenteuer wenige Wochen später ist allerdings nur eines von mehreren nach und nach angedachten „weils“, die bei der Lektüre stützig werden lassen.

Und dass es auch in Wyoming einen Toten gab, macht die Sache nicht gerade weniger rätselhaft. Ein Professor, auf den ersten Blick möchte man ihn schrullig, auf den zweiten vielleicht sogar unheimlich nennen, nahm sich das Leben. Diesmal sind die Umstände zwar unglaublich, aber unzweifelhaft. Dafür liegen auch hier die Hintergründe im Dunkeln. Franz jedenfalls kannte den Professor, der einst aus der Tschechoslowakei in die USA flüchtete, seit Jahren. Sie waren befreundet. Und trotzdem muss er lernen, wie wenig er wohl wirklich wusste und wie schnell aus Gerüchten und verstreuten Indizien Gewissheiten werden, aus Vermutungen Vorurteile, die sich schnell zu Urteilen verfestigen.

„Als ich jung war“ ist nicht zuletzt auch ein Roman über die zerstörerische Kraft von Gerüchten, von Getuschel und Denunziation im Kleinen wie im Großen. Themen, die auch in „Eine Ahnung von Anfang“ (2013) und „Die kommenden Jahre“ (2018), zwei jüngere Gstrein-Romane, hinter dem vordergründigen Plot bedeutsam waren. Wobei, eigentlich lässt sich Gstreins Gesamtwerk, seit „Einer“ (1988), als Auseinandersetzung mit Strategien der Vergewisserung beschreiben.Wie lässt sich das, was war, erzählen? Wie verhält es sich mit dem, das einmal wahr war und das vielleicht doch keiner Überprüfung standhält?

Mit „Als ich jung war“ geht der 58-jährige Autor, der im Vorjahr mit dem Preis der Stadt Innsbruck für sein künstlerisches Schaffen ausgezeichnet wurde, noch weiter: Im Zentrum des präzise komponierten Textes – die Tirol- und die USA-Passagen wechseln sich ab und sind gespickt mit niemals plump-spöttischen, aber bisweilen irrwitzigen und durchwegs unerbitterlichen Schilderungen touristischer Abgründe hier wie dort – geht es um Schuld. Um den Missbrauch von Macht. Um Verbrechen, die aus Übermut vielleicht, aus Anmaßung, Begehren, aus Sehnsucht begangen werden. Spätestens hier wird man in Zeiten von #MeToo hellhörig. Gstrein allerdings verurteilt nicht. Er nimmt aber auch nicht in Schutz. Absichtsvoll bleibt alles im Vagen. Außer die – in ihrer Einfachheit umso dringlichere – Erkenntnis, dass eine vermeintliche Unachtsamkeit ganz anders empfunden werden kann – und dramatische Folgen zeitigen könnte. Auch eine solche Unbedachtheit kann zum „Schubs“ werden. Vielleicht nicht vom Schlossberg. Aber in die falsche Richtung. Eine auf Eindeutigkeit getrimmte Auflösung freilich verbittet sich Norbert Gstrein in diesem elegant gebauten, sprachlich bestechend gearbeiteten und erzählerisch mit allen Wassern gewaschenen Roman. Trotzdem, oder vielleicht deswegen, will man ihn, hat man den letzten Satz einmal erreicht, sofort von Neuem lesen. In der Hoffnung, nun weitere Hinweise finden zu können. Auch die zweite Lektüre lohnt sich. Sie öffnet neue Perspektiven. Einfacher aber – so viel sei veraten – werden die Antworten auch dadurch nicht. Darin liegt das Geheimnis, die Kunst, der Erkenntnisgewinn.

Roman Norbert Gstrein: Als ich jung war. Hanser, 349 Seiten, 22,70 Euro.