Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.07.2019


Literatur

Zeitgeschichte in Krimiform erzählt

Frank Goldammer.

© Jens OellermannFrank Goldammer.



Eine Aufzählung von Kalenderdaten, Helden- oder Übeltätergeschichten, Zahlen und Fakten, so gestaltet sich allzu oft die Vermittlung von Zeitgeschichte im Schulunterricht. Das Lebensgefühl dieser Zeiten bleibt da meist auf der Strecke.

Philip Kerr.
Philip Kerr.
- imago stock&people

Bernhard Gunther ist Kriminalkommissar der alten Schule — den Sozialdemokraten nahe und daher nach der Machtergreifung der Nazis nicht gerne gesehen. Dennoch zieht ihn Reinhard Heyd­rich, der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, für heikle Sonderaufträge heran.

Im letzten Roman, den Philip Kerr (im Vorjahr verstorben) geschrieben hat, gilt es, 1939 einen besonders delikaten Mord aufzuklären: In Hitlers Refugium am Obersalzberg bei Berchtesgaden wird ein Ingenieur erschossen.

Der Fall soll ohne großes Aufsehen gelöst werden. Ein Eiertanz für den eigenwilligen Ermittler, der ihn auch selbst ordentlich in Gefahr bringt, denn die Ermittlungen fördern ein Netz an Korruption unter den Funktionären des Regimes zu Tage.

Nicht weniger bedrückend versteht sich Frank Goldammer auf das Metier des historischen Kriminalromans. Seine Serie um den Dresdner Ermittler Max Heller führt in die DDR mit ihrer allgegenwärtigen Unterdrückung durch die Präsenz der Sowjets und dem Ausspionieren durch die Stas­i. Heller glaubt dennoch an solide Polizeiarbeit (wie auch Bernie Gunther), ermittelt selbst dann, wenn es der Obrigkeit gegen den Strich geht.

Im aktuellen Fall „Roter Rab­e" sterben unter mysteriösen Umständen Menschen, meist Mitglieder der Zeugen Jehovas, die in irgendeiner Weise mit einem nur nebulösen „Amerikaner" im Zusammenhang stehen sollen, einem Agenten, der das Regime des „neuen Deutschlands" destabilisieren soll.

Heller soll den Fall zwar lösen, aber zugleich wird von ihm erwartet, dass dabei kein Staub aufgewirbelt wird, der der Partei schaden könnte.

Nur wenig besser geht es Oberst David Bronstein vom Wiener Sicherheitsbüro. Wir schreiben das Frühjahr 1936, Kanzler Schuschnigg regiert autoritär, die Opposition ist unterdrückt — und ein Mord an einem „Sozi" hat im Präsidium keine Priorität.

Bronstein allerdings lässt der Tod von Hans Binder nicht mehr los. Gegen Weisungen und Wohlmeinungen ermittelt er und findet schlussendlich auch den Mörder. (cjw)

Krimi Philip Kerr: Berliner Blau. Wunderlich, 638 Seiten, 23,60 Euro.

Krimi Frank Goldammer: Roter Rab­e. dtv, 381 Seiten, 16,40 Euro. Krimi Andreas Pittler: Bronstein. Gmeiner, 282 Seiten, 15,50 Euro.