Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.07.2019


Literatur

„Feminismus ist nicht genug“

Solange sich eine Frau zwischen Mutterrolle und Karriere entscheiden müsse, gebe es zwischen den Geschlechtern keine Gerechtigkeit, postuliert Philosophin Lisz Hirn. Die Autorin liest heute in Innsbruck.

Die Philosophin Lisz Hirn initiierte im April dieses Jahres das Volksbegehren „Ethik für alle“ mit.

© Nicolai FriedrichDie Philosophin Lisz Hirn initiierte im April dieses Jahres das Volksbegehren „Ethik für alle“ mit.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Sie würde eigentlich lieber nicht mehr darüber reden müssen. Es lieber als überholt abtun – das geht aber nicht. Über Feminismus, noch viel mehr über Geschlechtergerechtigkeit wird Philosophin Lisz Hirn heute auf Einladung des Kulturvereins Vogelweide im Innsbrucker Waltherpark reden müssen. Im Gepäck hat sie ihr im März erschienenes Buch „Geht’s noch? Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist“.

Ein Buch, das auch deshalb geschrieben werden musste, weil selbst #MeToo und eine akzeptiertere Frauenquote noch nicht zur Geschlechtergerechtigkeit geführt hätten. Stattdessen ist es wieder schick, in alten Rollenbildern zu denken.

Eines (von vielen) anschaulichen Beispielen in Hirns Buch führt diese These aus: Als Sebastian Kurz 2018 als Bundeskanzler den EU-Ratsvorsitz übernimmt, posiert er mit drei Blondinen in Dirndl, Schärpe und Tiara. „Lässt sich dieses Szenario mit umgekehrten Vorzeichen überhaupt denken?“, fragt Hirn dazu. „Hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel je mit hübschen, jungen Männern in Lederhosen in die Kameras gewinkt? Es ist schwer vorstellbar, dass sich ein erwachsener Mann finden lässt, der mit einer Prinzenschärpe ausstaffiert posieren würde.“

„Biedermänner“ und „Biederfrauen“ nennt die Autorin jene, die sich heute wieder mit dem Attribut „konservativ“ wohlfühlen. Dabei stünden wir gerade jetzt vor globalen Problemen, der Klimakrise oder der Digitalisierung, die sich auf konservative Art nicht mehr lösen lassen, so Hirn. „Das kleinbürgerliche Denken können wir uns eigentlich nicht mehr leisten.“

Für innovative Lösungen braucht es laut Hirn beide Geschlechter, die sich von der Politik repräsentiert fühlen. Sprich: Innovative Lösungen müssen her – laut Hirn am besten ein verbindliches Ethos für beide Geschlechter. Dazu müsse man in erster Linie davon abkommen, die Mutter unersetzbar zu machen und den Vater in der Kindererziehung an die zweite Stelle zu verfrachten. Aufgaben gehörten gerecht verteilt, empfiehlt die Autorin. Kein Machtgefälle soll entstehen: „Es gibt nicht nur die Mutter, auch den Vater, Großeltern, Freunde, Bekannte und die Schule.“

Natürlich funktioniere das nur mit Druck von oben: Der Stellenwert von Kinderbetreuung und auch Pflege gehöre insgesamt gehoben. „Erst dann wird sich eine Frau nicht mehr entscheiden müssen zwischen Mutterrolle und Karriere.“

Ganz provokativ fragt die 34-Jährige in diesem Sinne auch nach einer „Mütterquote“, ein höchst umstrittenes Konzept. „Dass kinderlose Politiker die richtigen Entscheidungen für eine alleinerziehende Mutter treffen, wage ich zu bezweifeln“, erklärt Hirn ihren Vorschlag. Dabei gebe es die größte Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, wenn das erste Kind kommt.

Eine Frauenquote sei heute ausgesprochen wichtig, meint die Philosophin – als Tool, um das Gefälle aufzuzeigen. Denn leere Parolen wie „Jede Frau kann es schaffen, sie muss nur härter arbeiten“, ändern nichts. „Es kann nicht sein, dass Frau nur dann Chancen auf Karriere hat, wenn sie auf ein gut situiertes Elternhaus zurückgreifen kann oder einfach Glück hat.“

„Feminismus ist also nicht genug“, postuliert Hirn, wenn er nur für eine kleine privilegierte Gruppe gelte. Um ein gesellschaftliches Bewusstsein zu verändern, brauche es weit mehr. Das heißt: Geschlechtergerechtigkeit wird uns als Thema noch lange beschäftigen. „Das müssen wir aber jetzt angehen“, bekräftigt Hirn. Das Gespräch geht also weiter.

Sachbuch Lisz Hirn: Geht’s noch? Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist. Molden, 145 Seiten, 20 Euro. Lesung: Heute ab 18 Uhr liest Lisz Hirn im Waltherpark Innsbruck.




Kommentieren


Schlagworte