Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.08.2019


Literatur

Freiheit mit Mauerblick

Jörg Fauser wäre dieser Tage 75 Jahre alt geworden. Sein wegweisendes Werk wird neu aufgelegt. Zum wiederholten Mal.

Streifzüge am „Schutzwall“: Seine sensationelle Spurensuche „Das Schlangenmaul“ ließ Jörg Fauser 1984 in West-Berlin spielen.

© imagoStreifzüge am „Schutzwall“: Seine sensationelle Spurensuche „Das Schlangenmaul“ ließ Jörg Fauser 1984 in West-Berlin spielen.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Jörg Fauser (1944–1987) wird immer dann beschworen, wenn der Hinweis nottut, dass deutsche, dass deutschsprachige Literatur mehr sein kann als wortgewordener Schöngeist samt erhobenem Zeigefinger. Und für einen kurzen Zeitraum war Jörg Fauser sogar ziemlich berühmt: 1984 wurde sein Roman „Der Schneemann“ (1981) erfolgreich verfilmt. Marius Müller-Westernhagen, seit „Theo gegen den Rest der Welt“ das, was man Kassenmagnet nennt, spielte die Hauptrolle. Im selben Jahr erschienen seine Sucht-Story „Rohstoff“ in einem deutschen Großverlag. Dann allerdings wurde Fauser zum literarischen Schaulaufen nach Klagenfurt geladen – und, so formulierte es Fauser-Freund Michael Köhlmeier 2013 in seiner Eröffnungsrede zum Bachmann-Preislesen, „abgemurkst“. Fauser und gutbürgerliche Literaturhuberei, das ging nicht zusammen.

Wirklich erholt hat sich Fauser von der öffentlichen Hinrichtung nicht. Sein 1985 erschienener Krimi „Das Schlangenmaul“ verkaufte sich zwar gut, aber das Großfeuilleton hatte sich auf ihn eingeschossen. Seine Flirts mit dem Blendwerk des Populären, mit Rockmusik, mit schummrigen Nacht- und halbseidenen Nackt-Lokalen und mit – Gott bewahre – Kriminalliteratur wurden als Schund abgekanzelt. Dass da einer schrieb, der sein Handwerk verstand, einer, der wusste, wie er Worte und wo er Punkte setzen musste, kümmerte keinen. Zugegeben: Fauser mag mit seinem Außenseitertum, seiner Unangepasstheit, aber auch mit seiner Professionalität als Lohnschreiber für Lifestyle-Heftchen kokettiert haben. Trotzdem waren die Angriffe fern allen Verhältnisses. Zumal, auch darauf hat Köhlmeier 2013 hingewiesen, nicht die Texte, sondern Fauser selbst attackiert wurde: „Die Richter hätten ihm nie verzeihen können, wie er war“, nämlich ohne Respekt vor den Ritualen bildungsbürgerlicher Betriebsamkeit.

Jörg Fauser starb 1987 im Alter von 43 Jahren unter bis heute rätselhaften Umständen.
Jörg Fauser starb 1987 im Alter von 43 Jahren unter bis heute rätselhaften Umständen.
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Am 17. Juli 1987 starb Jörg Fauser. Unter rätselhaften Umständen. Nach Mitternacht verließ er, gerade 43 geworden, seine eigene Geburtstagsfeier. Gefunden wurde er später am Rand einer Münchner Stadtautobahn. Ein Lkw hatte ihn erfasst. Was ihn ins Nirgendwo zwischen Zamdorf und Riem führte, blieb ungeklärt.

Erst posthum wurde Jörg Fauser zum Wegweiser. Journalisten – zugegeben: vornehmlich männliche Journalisten – versuchten sich am „Fauser-Sound“ irgendwo zwischen lässig und lakonisch. In den 1990er-Jahren dann erklärte Benjamin von Stuckrad-Barre Fauser zum Richtstern der deutschen Popliteratur.

Gleich dreimal wurden Fauser-Werkausgaben in Angriff genommen. Jede – die bei Rogner&Bernhard erschienen neun Bände, der schmucke Diogenes-Taschenbuchschuber und die um Vollständigkeit bemühte, von kundigen Kommentaren begleitete Textsammlung, die der Alexander-Verlag vorlegte – ist für sich genommen vorbildlich. Nun, offizieller Anlass ist Fausers 75. Geburtstag, ist es erneut der Zürcher Diogenes Verlag, der die vierte Renaissance binnen weniger Jahre einläutet. Drei Bände von Werkausgabe Nummer vier liegen bereits vor: „Rohstoff“, „Das Schlangenmaul“ und „Rohstoff Elements“, eine Sammlung von Lyrik und Prosa, die das Interesse Fausers an der US-Beatliteratur, an Collage und Cut-up-Text unterstreicht. Die Lektüre lohnt sich. Auch und gerade, wenn man die Texte bereits kennt. Im neuen Kontext funkeln andere Details. Wenn etwa im spektakulären Vermisstenreißer „Das Schlangenmaul“ der Oberschurke den Ermittler in einem Westberliner Absturzschuppen mit den Möglichkeiten der Neuen Medien ködert. Die von schönstem PR-Sprech begleitete Drohung liest sich heute wohl heutiger als vor drei Jahrzehnten. Dass sich die Freiheiten, die sich in der bundesdeutschen Enklave mit Mauerblick eröffneten, rücksichtslos für gewissenlose Gewinnmaximierung ausschlachten ließen, dürfte hingegen auch 1985 nicht wirklich überrascht haben. Beim nunmehrigen Blick auf die furz­trockene Schlusspointe wird allerdings die existenzielle Tragödie dahinter überdeutlich: Die, die das Spiel nicht mitspielten, weil sie zu blöd oder zu gescheit dafür waren, entkamen dem Spiel trotzdem nicht.

Dass Jörg Fauser mit „Rohstoff“ einen – am eigenen Leben geschulten – großen Roman über (Drogen-)Sucht geschrieben hat, steht außer Frage. Der Schluss, dass da lediglich ein schreibender Ex-Junkie über einen Junkie schreibt, der Autor sein will, erweist sich aber inzwischen als zu simpel. Liest man den Roman als den Klassiker, der er geworden ist, wieder, wird deutlich, wie präzise Fauser das Buch komponiert hat – und dass in der Fiktionalisierung der eigenen Abhängigkeit mehr steckt: eine bittere Parodie auf den Literaturbetrieb zum Beispiel, auf die Witzfiguren und die Wichtigtuer. Und auf großartige Schreiber, denen wenig mehr bleibt, als auf posthumen Ruhm zu hoffen.

Roman Jörg Fauser: Rohstoff. Diogenes. 351 S., 24,70 Euro. Lyrik/Prosa Jörg Fauser: Rohstoff Elements. Diogenes. 320 S., 24,70 Euro. Krimi Jörg Fauser: Das Schlangenmaul. Diogenes. 305 S., 24,70 Euro.