Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.08.2019


1931—2019

Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison mit 88 Jahren gestorben

Zum Tode der großen US-Autorin, die 1993 den Literaturnobelpreis erhielt.

Toni Morrison bei einem Wien-Besuch im Jahr 2006. Die Autorin, die nun 88-jährig gestorben ist, galt als „Amerikas Gewissen“.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: imago</span>

© imago stock&peopleToni Morrison bei einem Wien-Besuch im Jahr 2006. Die Autorin, die nun 88-jährig gestorben ist, galt als „Amerikas Gewissen“.Foto: imago



Innsbruck – Der Vertrag für ihr­e Autobiografie sei so gut wie unterschrieben gewesen, sagte Toni Morrison vor wenigen Jahren in einem Interview. Aber dann habe sie einen Rückzieher gemacht: zu langweilig, zu wenig herausfordernd – und überhaupt: „Als Frau in meine­n 80ern darf ich endlich drei Dinge sagen: ,Nein‘, ,Halt die Klappe‘ und ,Hau ab‘.“

„Nein“ freilich musste Toni Morrison schon in den Jahrzehnten davor immer wieder sagen. „Nein“ zu dem, was sie sah, hörte und am eigenen Leib erfuhr: „Nein“ zu gelebtem, zu in Institutionen gegossenem Rassismus; „Nein“ zu strukturgewordenem Sexismus; „Nein“ zu geschichtsvergessenem Gepolter, aber auch „Nein“ zu Betroffenheitsphrasen.

In der Nacht auf Dienstag ist Morrison, die erste – und bislang einzige – afroamerikanische Autorin, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde (1993), gestorben. Sie wurde 88 Jahre alt. Bis zuletzt hat sie sich in politischen Fragen zu Wort gemeldet. Bis zuletzt hat sie geschrieben: 2017 erschien ihr Roman „Gott, hilf dem Kind“; 2018 die Essaysammlung „Die Herkunft der anderen: Über Rasse, Rassismus und Literatur“. „Beim Schreiben“, sagte sie einmal, „bin ich frei von Schmerzen. Schreiben ist der Ort, an dem ich lebe, an dem ich die Kontrolle habe, wo niemand mir sagt, was ich machen soll.“

Ihren ersten Roman veröffentlichte die als Chloe Ardelia Wofford in eine Arbeiterfamilie hineingeborene Autorin 1970. „Sehr blaue Augen“ handelt – autobiografisch grundiert – vom Heranwachsen einer Schwarzen in den Vereinigten Staaten. Es war das Buch, das sie bei ihrer Arbeit als Verlagslektorin immer lesen wollte, aber das bis dahin nie geschrieben wurde. Geschrieben hat die Mutter zweier kleiner Söhne ihr Debüt in den frühen Morgenstunden – vor Dienstbeginn. „Sehr blaue Augen“ wurde hymnisch gefeiert. Auch „Sula“ (1973), „Solomons Lied“ (1977) und „Teerbaby“ (1981) waren erfolgreich. „Menschenkind“ (1987) schließlich machte Morrison berühmt. Die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind tötete, um ihm das Schicksal der Sklaverei zu ersparen, knüpfte historische Verbrechen an gegenwärtige Ausgrenzungserfahrungen. 1988 erhielt Morrison dafür den Pulitzerpreis. „Menschenkind“ wurde verfilmt, das Libretto für die auf dem Roman basierende Oper „Margaret Garner“ verfasste die Autorin selbst. Ihr wohl bedeutendstes Werk, „Paradies“ (1998) – eine wortmächtige Auseinandersetzung mit patriarchaler Gewalt, religiösem Wahn, Spiritualität und Rassenhass –, veröffentlichte Morrison bereits als Nobelpreisträgerin. Die Schwedische Akademie zeichnete sie aus, weil sie in ihren Texten, „die sich durch visionäre Kraft und poetischen Import auszeichne­n, einen wesentlichen Aspekt der amerikanischen Realität zum Leben erweckt.“ (jole)