Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 13.08.2019


Literatur

Mailänder Festvorträge von Umberto Eco: Kein Anlass zur Gelassenheit

Ein Spaziergang durch Umberto Ecos Denkgebäude. Die Mailänder Festvorträge des 2016 verstorbenen Universalgelehrten liegen nun gesammelt vor.

Der italienische Philosoph, Zeichentheoretiker und Bestsellerautor Umberto Eco starb im Februar 2016 im Alter von 84 Jahren.

© imago stock&peopleDer italienische Philosoph, Zeichentheoretiker und Bestsellerautor Umberto Eco starb im Februar 2016 im Alter von 84 Jahren.



Innsbruck – Seit 2001 hielt Umberto Eco – Semiotikprofessor, Großgelehrter und Verfasser millionenfach verkaufter Schmöker – im Rahmen des Mailänder Kulturfestivals La Milanesiana Festvorträge. In seiner letzten „lectio magistralis“ widmete er sich im Sommer 2015, wenige Monate vor seinem Tod, „Komplotten, Verschwörungen, Konspirationen“. Ein Thema, das Eco schon in den Jahrzehnten davor immer wieder beschäftigte: in erkenntnistheoretischen Studien, Essays, Glossen, aber auch in Romanen, etwa im „Foucaultschen Pendel“ und dem „Friedhof von Prag“.

Eco-Leser dürfte der Vortrag, die zitierten Gewährsleute und gezogenen Schlüsse über faktenarme Mutmaßungen, gefährliche Zuspitzungen und rücksichtsloses Gefasel, kaum überraschen. In seiner knappen Prägnanz allerdings kommt er einer allgemeingültigen Zusammenfassung recht nahe.

Selbiges kann man über jeden, der zwölf nun unter dem Titel „Auf den Schultern von Riesen“ veröffentlichten Texte, sagen. Sie lesen sich wie vom Meister selbst zurechtgestutzte Einführungen in sein Denkgebäude. Es geht um die Schönheit und das Hässliche; um die Kraft der Lüge; Fälschungen als Faszinosum; um Zeichen, Symbole und Erzählmuster, die wiederkehren – egal ob in antiken Mythen, bei „James Bond“ oder in Comics.

Eco war einer der ersten, der dem Populären tiefergehende Aufmerksamkeit schenkte. Und er war einer der ersten, der von der Wissenschaft ganz ohne Standesdünkel als Krimi erzählte. An ihrer quasi tagesaktuellen Dringlichkeit haben Ecos Betrachtungen kaum etwas eingebüßt. Im Gegenteil: Für das Verständnis gegenwärtiger Aufreger – von „Fake News“ bis „Dirty Campaigning“ – sind seine Überlegungen nach wie vor grundlegend. Gerade weil Eco darauf hinweist, dass kaum ein Phänomen tatsächlich neu ist, sondern zumeist Variation von bereits Verbürgtem. Anlass zu gelehrter Gelassenheit nach dem Motto „Auch die neuen Herausforderungen sind altbekannt“ liefert „Auf den Schultern von Riesen“ aber nicht. Vielmehr führen Ecos Vorträge zum ernüchternden Fazit: Man hätte so viel wissen können. Wissen müssen. Das Vertrauen an die Lernfähigkeit der Menschheit jedenfalls schwindet. Wobei: Auch darin würde Umberto Eco wohl ein sehr vertrautes Denkmuster erkennen. (jole)

Vorträge Umberto Eco: Auf den Schultern von Riesen. Hanser, 414 Seiten, 32,90 Euro.