Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 21.08.2019


Literatur

Ein Simplicissimus auf hoher See: Neuer Roman von Raoul Schrott

In seinem neuen Roman „Eine Geschichte des Windes“ schickt Raoul Schrott einen frühneuzeitlichen Seefahrer gleich dreimal um die Welt.

Raoul Schrott, geboren 1964 in Landeck, zählt zu den international renommiertesten Tiroler Autoren.

© TT / Thomas BoehmRaoul Schrott, geboren 1964 in Landeck, zählt zu den international renommiertesten Tiroler Autoren.



Von Joachim Leitner

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Innsbruck – Im Herbst 1519, vor ziemlich genau 500 Jahren also, brach der portugiesische Kapitän Fernão de Magalhães – oder der Einfachheit halber: Ferdinand Magellan – im Auftrag der spanischen Krone mit fünf Schiffen und etwa 240-köpfiger Besatzung zu einer Expedition auf, die zur ersten historisch belegten Weltumrundung werden sollte.

Magellan selbst hat die Fahrt ins Ungewisse nicht überlebt. Er fiel, wie es so schön heißt, im Kampf mit indigenen Widerständlern auf den Philippinen. Die spärlichen Überreste seiner Armada – ein Schiff und 18 Mann Besatzung – kehrten im September 1522 in die andalusische Hafenstadt Sanlúcar zurück. Einer der Überlebenden dürfte der Kanonier Hannes aus Aachen gewesen sein. So jedenfalls erzählt es Raoul Schrott – und beruft sich auf Buchhalter-Verzeichnisse der Zeit, die diesen Hannes oder „Hanse“ oder „Anes“ oder „Juan“ als Teilnehmer nicht nur der ersten Weltumsegelung ausweisen, sondern von zwei weiteren. Was ihn unter den unbesungenen Heroen der zu Entdeckungsfahrten aufgehübschten frühneuzeitlichen Eroberungszüge zu einem der robustesten machen würde: ein Simplicissimus auf hoher See.

Schrott stellt diesen Hannes in den Mittelpunkt seines neuen, dieser Tage erschienenen Romans „Eine Geschichte des Windes“. Womit er auch der Tradition, von der Historie als Leistungsschau hoher Herren zu erzählen, in Brechtscher Manier den Spiegel vorhält: Dieser „conquistador“ hat auf seiner Suche nach neuen (Handels-)Wegen durch die ersten Globalisierungswellen nicht nur Koch, sondern auch Kanonier dabei.

Und dieser Kanonier hat einiges erlebt: Sturm und Schiffbruch, Kampf und Kannibalismus, todbringende Stürme und mörderische Windstillen. Seine Geschichte, die Geschichten, die sich zu seiner Geschichte zusammenfügen, haben das Zeug zum veritablen Abenteuerroman. Bei Schrotts Fachsimpelei über Planken und Wellengang, aber auch bei seinen Schilderungen halbaufklärerischer Welt- und Wetterdeutungen kommt einem nicht zuletzt Melvilles maritimer Über-Roman „Moby Dick“ in den Sinn, der nebst anderem eben auch ein wundgewettertes Schelmenstück ist. Oder das „Bordbuch“ von Christoph Kolumbus, der wie Schrotts Figuren bemüht ist, des Unbekannten durch Verweis auf und den Vergleich mit Bewährtem Herr zu werden. Ein böenumwehter Reißer ist „Eine Geschichte des Windes“ freilich nicht. Denn Schrott bleibt Sprachakrobat. Er simuliert – schon der Titel-Zusatz „Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“ deutete es vielsilbig an – barocken Erzählton, greift auf die aus heutiger Sicht gestelzte Diktion der Epoche zurück. Das schafft einerseits eine wuchtige Authentizität, andererseits aber auch Distanz. Darauf muss man sich einlassen. Da muss man durch, bevor Sätze und Sentenzen zu funkeln und diese Welt im Wandel zu leben beginnen.

Roman Raoul Schrott: Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal. Hanser, 324 Seiten, 26,80 Euro.


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