Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 27.08.2019


Roman

„All das zu verlieren“: Der trügerische Schein

Leïla Slimani erzählt in ihrem Roman „All das zu verlieren“ von einer Frau, die versucht, aus gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen, aber trotzdem an ihrer Furcht vor der Freiheit scheitert.

Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani erzählt von einer Frau, die sich wahllos in amouröse Abenteuer stürzt.

© iStockphotoDie französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani erzählt von einer Frau, die sich wahllos in amouröse Abenteuer stürzt.



Von Gerlinde Tamerl

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Innsbruck – Auf den ersten Blick scheint Adèle der Inbegriff einer unabhängigen und selbstbewussten Frau zu sein: Sie arbeitet als Journalistin für eine Pariser Tageszeitung und analysiert tagtäglich das Weltgeschehen. Ihr Mann Richard verdient sein Geld als Arzt in einem Krankenhaus und somit hätte dieses Paar die besten Voraussetzungen, um gemeinsam mit ihrem dreijährigen Sohn Lucien ein sorgenfreies Leben zu führen. Der Leser des Romans mit dem Titel „All das zu verlieren“ (Luchterhand) von der 1981 in Rabat geborenen französisch-marokkanischen Autorin Leïla Slimani blickt aber gleich zu Beginn in einen tiefen Abgrund.

Wenn Adèle nämlich am heimeligen Frühstückstisch die Augen schließt, dann träumt sie nicht etwa von ihrem nächsten Familienurlaub, sondern in ihren Ohren klingen wüste Geräusche nach, ein Stöhnen und Schreien. Adèles Leben kreist nicht um romantische Liebe, im Gegenteil: Sie will ein Sexobjekt sein, das von einer Meute verschlungen wird. Und somit wird rasch klar: Mit Adèle stimmt etwas nicht, denn es gibt nichts, was diese Frau in emotionale Schwingung versetzen könnte, weder ihr Beruf noch ihr kleiner Sohn, schon gar nicht ihr Mann.

Leïla Slimani ist eine französisch-marokkanische Schriftstellerin und Journalistin. Sie wurde 1981 in Rabat geboren und lebt heute in Paris. Zuletzt erschienen: „All das zu verlieren“ (Luchterhand), „Sex und Lügen“ (btb).
Leïla Slimani ist eine französisch-marokkanische Schriftstellerin und Journalistin. Sie wurde 1981 in Rabat geboren und lebt heute in Paris. Zuletzt erschienen: „All das zu verlieren“ (Luchterhand), „Sex und Lügen“ (btb).
- imago/PanoramiC

Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Leïla Slimani, die in Marokko aufwuchs, beschreibt eindringlich und präzise den Alltag einer Frau, die keinerlei Gestaltungswillen für ihr Leben aufbringt, obwohl sie die Möglichkeiten dazu hätte. Adèle ist nicht in der Lage, emanzipierte Entscheidungen zu treffen, und nicht nur das: Es fällt ihr irritierenderweise auch schwer, sich in ihrer Mutterrolle zurechtzufinden, so heißt es an einer Stelle über ihren kleinen Sohn: „Lucien ist eine Last, eine Verpflichtung, an die sie sich einfach nicht gewöhnen kann. Adèle könnte nicht sagen, wo im Knäuel ihrer Gefühle sich die Liebe zu ihrem Sohn verbirgt.“ Adèle ist eine selbstzerstörerische, wenngleich auch faszinierende Figur, die von Ängsten getrieben wird und nie aus eigener Überzeugung handelt. Immerzu beugt sie sich gesellschaftlichen Zwängen. Sie bekommt ein Kind, nicht aber, weil sie das wirklich will. Sie heiratet einen wohlhabenden Mann, nur „um dazuzugehören und wie die anderen zu sein“. Für Adèle sind Ehe und Mutterschaft bloß „eine schützende Aura der Achtbarkeit, die ihr keiner mehr nehmen kann“. Mehr aber auch nicht.

Also sucht sie einen exzessiven Ausweg aus ihrem engen Lebenskonzept. Anstatt sich von ihrem desinteressierten Mann scheiden zu lassen, stürzt sie sich wahllos in Sexabenteuer mit Fremden. Nach jedem ihrer Exzesse ist sie jedoch reumütig und wird von der Angst getrieben, von ihrem Mann entdeckt zu werden. Immerzu bewacht sie ihr geheimes Klapphandy, in dem sich die Namen ihrer Sexkontakte aneinanderreihen. So begleitet man die kettenrauchende, magere Adèle auf den nächtlichen Straßen von Paris und ahnt, dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommen wird. Die destruktive Grundstimmung dieses Romans könnte abstoßend wirken, wäre da nicht die unglaubliche Sogwirkung, die diese verbotenen Geschichten entwickeln. Vor allem aber überzeugt Slimanis ungemein sensible Sprache, mit der sie das Leben dieser gebildeten Frau beschreibt, die orientierungslos durch eine Welt taumelt, die eigentlich vor allem eines zu bieten hätte: Freiheit. Vor allem sexuelle Freiheit ist das große Thema, mit dem sich Leïla Slimani seit Langem beschäftigt, und genau darin besteht auch die politische Dimension dieses Romans. Mit Adèle führt Slimani vor Augen, welch fatale Folgen es haben kann, wenn ein Mensch sich aus freien Stücken selbst einkerkert und sich damit all seiner Möglichkeiten beraubt.

Slimani, die für ihren ersten Roman „Dann schlaf auch du“ mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet wurde und die auch als Journalistin arbeitet, hat eine besondere Gabe, in tabuisierte Epizentren vorzudringen. Sie zählt auch zu jenen Vorkämpferinnen, die sich für die sexuelle Befreiung der Frauen Marokkos einsetzen, einem Land, in dem vorehelicher Geschlechtsverkehr mit Gefängnis bestraft wird. Vor allem Frauen leiden unter diesem System, das auch Abtreibungen verbietet, mit dem Ergebnis, dass sie unter grauenhaften Bedingungen illegal durchgeführt werden. Slimani hat diese Verhältnisse in Interviews mit Frauen aus Marokko dokumentiert, um auf deren Situation aufmerksam zu machen. Diese Gespräche sind in dem Band „Sex und Lügen“ (btb) versammelt. Ein weiteres Buch dieser Autorin, das man unbedingt lesen sollte.