Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 31.08.2019


Literatur

„Das flüssige Land“: Auf brüchigem Boden

Raphaela Edelbauers für den Buchpreis nominierter Roman „Das flüssige Land“ hält geschichtsvergessener Geschäftstüchtigkeit sprachmächtig den Spiegel vor.

Raphaela Edelbauer gewann 2018 den Publikumspreis beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb. „Das flüssige Land“ ist ihr erster Roman.

© APA/FohringerRaphaela Edelbauer gewann 2018 den Publikumspreis beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb. „Das flüssige Land“ ist ihr erster Roman.



Von Joachim Leitner

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Innsbruck – Groß-Einland ist klein. Zu klein jedenfalls für gängige Landkarten. Und auch Behörden helfen kaum weiter. Dabei schien alles so einfach. Ruths Eltern starben bei einem Verkehrsunfall. In Groß-Einland sollen sie begraben werden. Das war ihr letzter Wille. Aber Groß-Einland ist irgendwo. Ruth, als theoretische Physikerin mit Phänomenen, die sich hemdsärmeligem Weltverständnis entziehen, durchaus vertraut, macht sich auf die Suche. Und sie findet Groß-Einland tatsächlich. Im Nirgendwo. Seltsam aus der Zeit gefallen wirkt die Ortschaft. Und vielleicht gerade deshalb erschreckend heutig. Durchaus idyllisch. Aber nur auf den ersten Blick. Schon der zweite macht deutlich, dass einiges sprichwörtlich schief ist. Und auch der Boden brüchig. Die Natur rächt sich für den Raubbau vergangener Jahrzehnte. Siedlungen sinken ab, weil hier nach Gestein geschürft wurde. Und auch die Einheimischen sind ­einigermaßen unheimlich, seelenlos, ewig gestrig. Aber durchaus gewinngetrieben: Schließlich lässt sich auch aus dem Loch, das das Dorf zu verschlingen droht, touristischer Mehrwert schlagen. Dass in den Stollen einst NS-Zwangsarbeiter für den Endsieg um ihr Leben wühlten, ist nur eines der Geheimnisse, denen Ruth in Raphaela Edelbauers neuem Roman „Das flüssige Land“ auf die Schliche kommt. Auch der Verdacht, dass das Ableben von Ruths Eltern mit der dunklen Vergangenheit ihrer Herkunftsheimat zu tun haben könnte, sorgt für Spannung.

„Das flüssige Land“ ist ein großartig gebautes Spiel mit Versatzstücken von Heimat- und Antiheimat-Literatur. Edelbauer – die 29-jährige Wienerin wurde in ihrer noch jungen Autorinnen-Laufbahn bereits mehrfach ausgezeichnet – versteht sich auf die Gratwanderung zwischen Ausgestaltung der Realität und Groteske. Spätestens wenn es der Protagonistin am Ende alles zu viel wird – und sie zurück will in ihren beschaulichen Physikerinnenalltag und Andreas Gabalier aus dem Autoradio plärrt, wird überdeutlich, dass man Groß-Einland nicht so einfach verlassen kann, weil Groß-Einland überall ist. Bisweilen, das führt Raphaela Edelbauer bildmächtig vor Augen, muss man gar nicht allzu tief bohren, um auf Zeugnisse einer dunklen Vergangenheit zu stoßen. Und der Umstand, dass diese verscharrt wurden, lässt auch die Gegenwart in äußerst fragwürdigem Licht erscheinen. Raphaela Edelbauers „Das flüssige Land“ steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Und der Roman steht dort durchaus zu Recht: Als feingearbeitetes Sprachkunstwerk – und als zornige Bestandsaufnahme eines Landes, das sich in schiefer Idylle eingerichtet hat.

Roman Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land. Klett-Cotta, 248 Seiten; 22,70 Euro.