Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 02.09.2019


Roman

„Niemandskinder“: Mäandern an der Seine

Im Roman „Niemandskinder“ schickt Christoph W. Bauer seinen Protagonisten auf eine schmerzliche Reise zurück nach Paris.

Christoph W. Bauer, Jg. 1968, verfasst Lyrik, Prosa und Hörspiele. Der mehrfach ausgezeichnete Autor ist in Tirol aufgewachsen

© Fotowerk AichnerChristoph W. Bauer, Jg. 1968, verfasst Lyrik, Prosa und Hörspiele. Der mehrfach ausgezeichnete Autor ist in Tirol aufgewachsen



Von Markus Schramek

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Innsbruck – Herr Broeger ist Historiker, dabei sieht er sich eher als Dichter. Nur ist Lyrik halt „etwas für Pickelgesichter“, eine brotlose Zeitvergeudung jedenfalls. Nach der Matura hat Broeger sich als Bohemien in Paris versucht, wo auch sonst, die Friedhöfe dort sind überbelegt mit verblichenen Vorbildern, Baudelaire, Verlaine und so weiter. Zum lustvollen Abhängen in Café und Bistro fehlt nur noch das charmante weibliche Visavis. Dieses findet der junge Broeger in Person von Samira, Französin mit nordafrikanischen Wurzeln.

Allein, die Beziehung scheitert. Broeger, „ein Spezialist für nichts außer für Anfänge ohne Enden“, geht fluchtartig heim nach Tirol. Dort wird er Uni-Lehrer, jedoch ohne rechte Freude am verschulten Betrieb der Alma Mater.

In seinem neuen Roman „Niemandskinder“ taucht der Tiroler Schriftsteller Christoph W. Bauer tief ein in das Paris der Moderne, eine stolze Kapitale in Angst. Roman-Protagonist Broeger kehrt just in jener Phase in die Stadt an der Seine zurück, als dort, nach den Terroranschlägen des Jahres 2015, der Ausnahmezustand herrscht. Eine Wohnadresse in der Banlieue und ein dunkler Hauttyp stempeln jemanden schnell zum potenziellen Attentäter.

Doch Bauers Ich-Erzähler weilt nicht zum Zweck einer Milieustudie wieder in Frankreichs Hauptstadt. Er sucht nach Spuren seiner verlorenen Liebe Samira, 15 Jahre nach dem Aus. Den Anstoß zu dieser sentimental journey gibt ein Artikel aus dem Zeitungsarchiv. Darin erblickt Broeger das Foto einer gewissen Marianne, die Samira unerklärlicherweise ziemlich ähnelt. Marianne ist seit Jahrzehnten abgängig. Sie war das Kind einer Tirolerin und eines aus Marokko stammenden französischen Besatzungssoldaten nach dem 2. Weltkrieg.

Auf der Suche nach Samira mäandert Erzähler Broeger durch das Paris, das er einst kannte. Er klappert Bars ab und Restaurants und Hotels und markante Bauten und Straßen und Friedhöfe und Métro-Stationen und Sehenswürdigkeiten und Arrondissements, die er uns alle, nach der Art eines Reiseführers, namentlich aufs Auge drückt. Nicht gerade das ideale Mittel zur Steigerung des Leseflusses. Der Buchfreund würde es auch so glauben, dass der Roman in Paris spielt.

Eine Grundspannung möge man Bauers Neuling aber bitte nicht absprechen. Das Schicksal zweier Frauen, Samiras und Mariannes, die zu unterschiedlichen Zeiten dem Alltagsrassismus ausgesetzt sind, macht betroffen. Marianne, wegen ihres dunklen Teints verspottet und geschlagen, wird von der Volksschullehrerin erniedrigt: „Ein lediges Kind kommt nicht in den Himmel.“ Derlei reicht, um den Weiterlesereflex hurtig am Laufen zu erhalten.

Nach 180 Seiten ist es dann aber auch genug mit dieser Sternwanderung durch Paris.

Roman Christoph W. Bauer: Niemandskinder. Haymon 2019, 183 Seiten, 19,90 Euro.