Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.09.2019


Innsbruck-Land

Sprachsalz-Festival in Hall: Wenn Leerstellen zu Lehrstellen werden

Große Namen, großartige Entdeckungen: Das Haller Sprachsalz-Festival beschwor Stimmwunder und die Literatur als rettende Kraft.

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller (links) präsentierte ihren neuen Collagenband „Im Heimweh ist ein blauer Saal“.

© MoergenthalerLiteraturnobelpreisträgerin Herta Müller (links) präsentierte ihren neuen Collagenband „Im Heimweh ist ein blauer Saal“.



Von Joachim Leitner

Ernst Molden zog es vor, zu singen.
Ernst Molden zog es vor, zu singen.
- Moergenthaler, Noir

Hall — Leerstellen sind auch eine Chance. Sie schaffen Freiräume. Dass Vladimir Sorokin sein Kommen zum diesjährigen Sprachsalz-Festival kurzfristig absagen musste — so kurzfristig, dass sich der für Sorokin vorgesehene Chauffeur allein auf den Rückweg vom Innsbrucker Flughafen machen musste —, ließ sich also vergleichsweise leicht verkraften, denn es lockerte das eng getaktete Vorleseprogramm — und ermöglichte Entdeckungen. Marie Modiano zum Beispiel. Die trägt zwar einen gewichtigen Namen — Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano ist ihr Vater. Aber davon braucht man sich nicht täuschen lassen. Mit „Ende der Spielzeit" hat sie — eine international tätige Schauspielerin — einen bemerkenswerten Künstlerroman vorgelegt, der, da standen gemachte Erfahrungen fraglos Pate, eine junge Schauspielerin unter anderem ins Wien der 1990er-Jahre führt. In federleichten Formulierungen und mit schonungslos ungeschöntem Blick zerlegt Modiano theatrale Trugbilder und schöngeistiges Schickeria-Gewäsch. Ein toller Text, hochdramatisch, dessen deutsche Übertragung in Hall von Thomas Sarbacher gelesen wurde. Und auch der verstand die Sorokin'sche Leerstelle aufs Vortrefflichste zu füllen. Gemeinsam mit Ernst Gossner — auch er leiht internationalen Sprachsalz-Gästen seit den Anfängen des Festivals Stimme und mimische Ausdruckskraft — sinnierten sie am Sonntag auf dem ursprünglich Sorokin zugedachten Programmplatz übers Lesen, Interpretieren und Ausgestalten von Welt-, Wald- und Wiesenliteratur. Heuer las Gossner unter anderem Texte des kolumbianischen Schriftstellers Pedro Badán — und auch ihm gelang ein „Bist du deppat"-Moment: Badráns Erzählung „Willkommen in Kolumbien", die in wenigen Zeilen die Tragödie eines vom Krieg geschundenen Landes umriss, wartet mit einem Schockfinale auf, das es problemlos mit Goethes Erlkönig aufnehmen kann. Apropos Goethe: Ernst Molden, der einst in Hall die Schulbank drückte, hat sich inzwischen auch an den Weimarer Dichterfürsten herangewagt — und dessen Ballade „Der König in Thule" zum Wienerlied umgedichtet. Bei Sprachsalz brachte es Molden, getreu dem Motto „Warum lesen, wenn man herzzerreißend schön singen kann" zur Tirol-Premiere.

Marie Modiano widmete sich dem „Ende der Spielzeit“.
Marie Modiano widmete sich dem „Ende der Spielzeit“.
- Yves Noir

Herta Müller, Literaturnobelpreisträgerin von 2009, präsentierte in Hall ihren Collagenband „Im Heimweh ist ein blauer Saal" — und führte eindrücklich vor, wie das Eintauchen in Sprache zur Rettung werden kann. Nicht etwa, weil Lesen, Schreiben und Zuhören Realitätsflucht ermöglichen, sondern weil Literatur einen lehrt, was das überhaupt heißt: Leben.

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