Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.09.2019


Literatur

Angela Lehners “Vater unser“: Eine Irrenanstalt als Naherholungsgebiet

Angela Lehners für den Deutschen Buchpreis nominiertes Debüt „Vater unser“.

Angela Lehner wuchs in Osttirol auf. Mit „Vater unser“ nimmt sie im September auch am Südtiroler Franz-Tumler-Literaturwettbewerb teil.

© WaldnerAngela Lehner wuchs in Osttirol auf. Mit „Vater unser“ nimmt sie im September auch am Südtiroler Franz-Tumler-Literaturwettbewerb teil.



Innsbruck – „Eva lügt immer.“ Das wussten schon ihre Mitschüler. Das ist inzwischen fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahre her. Aber Eva lügt immer noch. Krankhaft. Sie habe eine ganze Kindergartengruppe umgebracht. Sagt sie. Aber Eva sagt viel. Und manches möchte man glauben. Anderes will man glauben. Da sich Evas deftig-dialektale Abrechnungen bei gängigen Bildwelten bedienen. Dem Bild einer gefährdeten Kindheit in provinzieller Leere zwischen strengem Vater und erduldender Mutter zum Beispiel. Das kennt man. Das kann man sich vorstellen. Glauben darf man es nicht. Weil man weiß, dass die, die da spricht – zu anderen und zu sich selbst – in Behandlung ist. Und das nicht irgendwo, sondern am Steinhof – wo man sich einst auch um Wittgensteins Neffen in Thomas Bernhards gleichnamiger Erzählung bemühte. „Eine Irrenanstalt als Naherholungsgebiet“, sagt Eva – und spinnt ihre Erzählung weiter.

Auch Evas lebensmüder Bruder Bernhard wird am Steinhof behandelt. Die Anwesenheit seiner Schwester versetzt ihn in Panik. Eva will ihn retten. In ihrer Welt ist er bedroht. Ihm gilt ihr irrwitziges Ausbruchskomplott. Für ihn manipuliert sie andere Patienten. Auch das möchte man glauben. Und will sich doch nicht täuschen lassen. Schließlich ist selbst Evas Mutter, von der Tochter früh für tot erklärt, noch recht lebendig.

Im zweiten Teil des Buches wird das Präsens der erlebten wie der erfundenen Rede von Erinnerungsfetzen durchzogen, die sich als Erklärungsmöglichkeiten für Evas Realitätsverweigerung anbieten. Doch Angela Lehner, die gebürtige Klagenfurterin, wuchs in Osttirol auf, ist zu gescheit für banale Eindeutigkeiten. Oder – in Evas Worten: „ausgelutschte Geschichten“. Ihren Roman macht das Spiel mit verschobener und verschrobenen Wahrnehmung nur beeindruckender. Und berührender. Denn „Vater unser“ ist kein bloßer Griff in die Trickkiste des unzuverlässigen Erzählens, sondern der überzeugende Versuch, die Unzuverlässigkeit von Wahrnehmungen offenzulegen. Auch und gerade der eigenen. Zu Recht wurde „Vater unser“ seit seinem Erscheinen euphorisch besprochen. Zu Recht findet man den Roman unter den Nominierten für den Deutschen und den Österreichischen Buchpreis (Sparte Debüt). Bisweilen holt das ganze Aufmerksamkeitsmaximierungstheater mit seinen Long- und Shortlists tatsächlich die richtigen Bücher ins Rampenlicht. (jole)

Roman Angela Lehner: Vater unser. Hanser Berlin, 284 Seiten, 22.70 Euro.

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