Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.09.2019


Bezirk Reutte

Ein Buch über das Ankommen von Ksenia Konrad

Ksenia Konrad präsentierte in der Kellerei ihre Erfahrungen als Sprachtrainerin – Erfolge und Ernüchterndes sind nebeneinandergestellt. In der REA-Podiumsdiskussion war Willkommenskultur und Integration Thema.

Der Moderator des Abends, REA-Geschäftsführer Günther Salchner, folgt den Ausführungen von Ksenia Konrad, die in der Reuttener Kellerei aus ihrem Erstlingswerk „Alles außer fern“ liest.

© Mittemayr HelmutDer Moderator des Abends, REA-Geschäftsführer Günther Salchner, folgt den Ausführungen von Ksenia Konrad, die in der Reuttener Kellerei aus ihrem Erstlingswerk „Alles außer fern“ liest.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Brechend voll war die Kleinkunstbühne der Kellerei Montagabend in Reutte, als Ksenia Konrad ihr „Buch über das Ankommen“ präsentierte. Die mit einem Lechaschauer verheiratete Russin kam vor über zehn Jahren ins Außerfern. Die Pädagogin, Philologin, Psychologin und Germanistin ist seither als Sprachtrainerin für Menschen aus aller Herren Länder, die im Außerfern Deutsch lernen, tätig. In ihrem Buch verarbeitet sie ihre eigenen Integrationserfahrungen sowie die ihrer Schülerinnen und Schüler. Mit Wortwitz erläutert sie zum Beispiel auch Einheimischen die Stellung des Verbs im Nebensatz – millionenfach gebraucht, ohne dass die meisten nur einen Bruchteil der grammatischen Struktur dahinter erklären könnten. Die Sprachtrainerin kämpft sich mit Migranten und Migrantinnen durch Sprach­dschungel und Klausenwald, durchlebt mit ihnen Wechselbäder aus Motivation, Ernüchterung, Selbstzweifeln und Erfolgsgefühlen. Ein lesenswertes, anekdotisches Werk mit starkem Reutte-Bezug. Unter anderem erfährt man auch, dass auf der Hitliste der Wünsche vieler Sprachkursbesucher eine „Wohnung mit Balkon“ ganz oben steht.

Anschließend an die viel beklatschte Lesung kam es zur Podiumsdiskussion mit Integrationslandesrätin Gabriele Fischer, REA-Obmann BM Alois Oberer, Allgäu-GmbH-Geschäftsführer Klaus Fischer und eben Ksenia Konrad. Die 37-Jährige schilderte humorig, dass bei ihrer Ankunft die Dialekte und der Krampusumzug besonders herausfordernd gewesen seien, um dann aber ins ernste Fach zu wechseln. Ihrer Meinung nach ist die Gesamtstundenzahl viel zu gering, um Migranten die Sprache auf dem – vom Staat verlangten – Maturaniveau B1 beizubringen. Kaum begonnen, soll zwei Wochen später schon selbstständig eine Wohnbeihilfe ausgefüllt werden können. „Wie soll denn das gehen?“, wundert sich die Lechaschauerin aus der Nähe Moskaus. „Und da darf niemand im Kurs auch nur einmal krank werden, heiraten wollen oder ein Kind bekommen. Schon hat man alles versäumt und verliert die Ansprüche.“

Reuttes Bürgermeister konnte die Problematik nur bestätigen. Für ihn ist das Beherrschen der deutschen Sprache eine Schlüsselqualifikation, damit Integration gelingen kann. Umso mehr wunderte er sich, dass Sprachförderung in den Gemeinden zwar zwingend vorgeschrieben ist, die finanziellen Zuwendungen dafür aber zurückgehen. Im Falle Reuttes heuer von 140.000 Euro auf 50.000. Um 90.000 weniger. LR Palfrader habe ihm erklärt, dass das Land das Geld nur durchreiche und diese Förderung vom Bund käme. Die Handschrift der (ehemaligen) türkis-blauen Regierung ist für Oberer hier unschwer zu erkennen. Fischer gleichlautend: „Schlimme Dinge sind unter Türkis-Blau passiert.“

Im neuen Integrationsleitbild des Landes Tirol ist erstmals auch die Aufnahmegesellschaft miteinbezogen, ließ die Landesrätin wissen. Denn ohne sie gelinge Integration auch nicht. Für die Grünen-Politikerin war es wichtig, nicht immer auf die Unterschiede zu schauen, sondern „besser darauf, was wir gemeinsam haben“. Moderator Salchner wies auf die Ambivalenz zwischen Willkommenskultur und Integration hin. Er stellte auch die Frage, warum so viele den Bezirk verlassen würden: Asylwerber, sobald sie den Bescheid in Händen hätten – und Einheimische. Fischer warnte wiederum vor zu viel Euphorie beim aktuellen Anwerbungsprojekt junger Spanier für den Außerferner Arbeitsmarkt. Im Allgäu sei man damit bravourös gescheitert: Das Heimweh war stärker.