Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.10.2019


Literatur

Schriftsteller Alois Hotschnig: Lesen als gelebte Erfahrung

Alois Hotschnig zählt zu den herausragenden Erzählern seiner Generation. Heute wird er 60 Jahre alt. Eine Würdigung.

Alois Hotschnig, geboren im Kärntner Drautal, lebt seit Langem in Innsbruck. Derzeit arbeitet er an seinem dritten Roman.

© TT / Thomas BöhmAlois Hotschnig, geboren im Kärntner Drautal, lebt seit Langem in Innsbruck. Derzeit arbeitet er an seinem dritten Roman.



Innsbruck – Zehn Jahre sind eine lange Zeit. In Literaturbetriebsjahren – mit ihrer Taktung in Herbst- und Frühjahrs­programme samt dazugehörigen Messen, Spitzentitelschaulaufen und anderen Hoch- und Höchstämtern – darf man getrost von einer halben Unendlichkeit sprechen. Die Strategen des Marktes empfehlen Schreibenden, auch und gerade solchen, die sich bereits Renommee erschrieben haben, zügig nachzulegen: ein Roman – oder wenigstens eine Erzählung, die sich zum Roman um­etikettieren lässt – für jede Saison. Sonst drohen Vergessen und Verschwinden.

Alois Hotschnig scheinen die Begehrlichkeiten des Betriebs kaum zu belasten. Zehn Jahre ist es her, dass der seit Langem in Innsbruck lebende Schriftsteller seinen letzten Erzählband „Im Sitzen läuft es sich besser davon“ veröffentlicht hat. Verschwunden – oder gar davongelaufen – ist Hotschnig seither nicht. Er schreibt. An einem neuen Roman. Seinem dritten. Es gebe zwar weder Abgabetermin noch Arbeitstitel, aber das Gefühl, „dass es Zeit ist, in die Zielgerade zu gehen“, ließ Hotschnig kürzlich wissen – und bekräftigte: „Ich bin eben ein Einzelwesen, das seine eigene Zeit braucht.“

Ein Glück, möchte man ihm als Leser entgegnen. Nicht etwa, weil Vorfreude die schönste Freud­e sein soll. Sondern weil Hotschnig seinen Leserinnen und Lesern dadurch Zeit schenkt. Zeit, seine bisherigen Texte neu zu lesen. Weil sie gelesen und wiedergelesen werden wollen. Weil sich ihrere Radikalität immer wieder neu enthüllen. Weil sie in ihrer Genauigkeit Genauigkeit verlangen. Genauigkeit und Geduld.

Darauf hat nicht zuletzt Karl-Markus Gauß hingewiesen, der Hotschnig 2002 als alleiniger Juror zum Träger des Italo-Svevo-Preises bestimmte. Bei Hotschnig, so Gauß, treffe „Geduld auf Verwegenheit“. Was dieser Tage, unzählige mundgerecht zurechtgestutzte Literatur-häppchen später, um ein Vielfaches verwegener klingt als es damals vor 17 Jahren klang.

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Hotschnig, der heute vor 60 Jahren im Kärntner Drautal geboren wurde, zählt zu den herausragenden Erzählern seiner Generation. Die Berufsbezeichnung Autor allerdings möchte man sich fast verbieten. Hotschnig misstraut der Autorität von Autorenschaft. Seinen Arbeiten – von der frühen Erzählung „Aus“ (1989) über die Romane „Leonardos Hände“ (1992) und „Ludwigs Zimmer“ (2000) bis zu den jüngsten Texten – gestattet er keine Instanzen, die erklärend durch das Erzählte führen, keine Vorkauer, keine Nachbeter, keine Besserwisser. Bedeutungen werden nicht behauptet. Sie müssen lesend erschlossen und auf ihre Belastbarkeit erprobt werden. Mit jedem Satz, den er zu Papier bringt, erinnert Alois Hotschnig daran, dass Lesen mehr ist – oder jedenfalls sein kann – als Zeitvertreib und Selbstverlustierung, eine aktive Tätigkeit nämlich, keine simulierte, sondern echt­e, gelebte Erfahrung. Dafür gebührt im Dank. Und: Darauf wartet man gern. (jole)