Letztes Update am Do, 10.10.2019 17:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nobelpreis 2019

„Ist das wahr?“: Peter Handke bekommt Literaturnobelpreis

Der mit neun Millionen schwedischen Kronen dotierte Literaturnobelpreis 2019 geht an den Kärntner Peter Handke. Die Polin Olga Tokarczuk bekam den Literaturnobelpreis 2018 ebenfalls heute zugesprochen.

Peter Handke.

© APAPeter Handke.



Stockholm - Der österreichische Schriftsteller Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis 2019. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Donnerstag in Stockholm bekannt. Die prestigeträchtige Auszeichnung ist mit jeweils neun Millionen schwedischen Kronen (ca. 831.000 Euro) dotiert.

Er erhält den Preis "für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlicher Genialität die Peripherie und die Spezifizität der menschlichen Erfahrung untersucht", so die Begründung der Akademie. "Die besondere Kunst von Peter Handke ist die außergewöhnliche Aufmerksamkeit zu Landschaften und der materiellen Präsenz der Welt, die Kino und Malerei zu zwei seiner größten Quellen der Inspiration werden ließen", begründete sie die Zuerkennung weiter. Handke habe sich "als einer der einflussreichsten Autoren Europas nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert", nachdem er bereits mit seinem ersten Roman "Die Hornissen" 1966 sowie mit dem Stück "Publikumsbeschimpfung" aus 1969 "der Literaturszene seinen Stempel aufgedrückt hat".

Peter Handke im Jahr 1996.
Peter Handke im Jahr 1996.
- APA/Pfarrhofer

Handkes Reaktion: „Ist das wahr?"

Peter Handke war laut dem Vorsitzenden des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson, beim Anruf der Juroren zu Hause. "Er war sehr, sehr gerührt. Erst hat er kaum ein Wort herausbekommen", so Olsson. Dann habe Handke auf Deutsch gefragt: "Ist das wahr?"

Der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, berichtete davon, dass die andere heutige Preisträgerin Olga Tokarczuk gerade während einer Lesetour in Deutschland im Auto gesessen sei und deshalb erst einmal am Straßenrand anhalten habe müssen, um die Botschaft entgegenzunehmen.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Der 76 Jahre alte Handke (am 6. Dezember 1942 im Kärntner Griffen geboren), der zuletzt 2017 einen Roman veröffentlichte („Die Obstdiebin — oder — Einfache Fahrt ins Landesinnere"), galt als Außenseiter im Rennen um den Literaturnobelpreis. Der aus Kärnten stammende Schriftsteller ist der erste österreichische Preisträger seit Elfriede Jelinek (2004). Diese reagierte begeistert auf die Entscheidung der Jury: "Großartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen", schrieb die Autorin der APA. Für Jelinek war es "höchste Zeit!". Sie freue sich auch, dass die Auszeichnung an jemanden gehe, "auf den sie in Österreich endlich stolz sein werden".

Für Van der Bellen „geglückter Tag"

"Ein 'geglückter' Tag - jedenfalls für die österreichische Literatur, für die Literatur überhaupt" ist die Nobelpreisvergabe an Peter Handke für Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Mit Handke habe "ein Autor den Nobelpreis gewonnen, dessen leise und eindringliche Stimme seit Jahrzehnten Welten, Orte und Menschen entwirft, die faszinierender nicht sein könnten", hieß es in einer Aussendung.

Handke "leuchtet die Zwischenräume des Daseins aus und wirft einen behutsamen Blick auf das Fühlen und Denken seiner Figuren. In einem Ton, der schnörkellos und doch einzigartig ist, lässt er uns, die Leserinnen und Leser an seiner Welt und Sprache teilhaben", betonte Van der Bellen." Wir haben Peter Handke viel zu verdanken. Ich hoffe, er weiß das."

"Höchst verdient und eine würdige Anerkennung für ein literarisches Ausnahmetalent" ist Handkes Nobelpreis für Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Kulturminister Alexander Schallenberg. "Handke hat Generationen von Leserinnen und Lesern bewegt", hieß es in einer Aussendung.

Eine wertvolle & zeitlose Bereicherung sowie eine wichtige Visitenkarte für Österreich in der Welt" nannte ÖVP-Obmann Sebastian Kurz auf Twitter das Werk von Nobelpreisträger Peter Handke. "Seine Auseinandersetzung mit Sprache, die ein wesentlicher Ausdruck von Kultur und Werten ist, ist bis heute ein Meilenstein in der Literaturgeschichte", so Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP).

"Durch eine unglaubliche Fülle an Werken sowie seine unvergleichbare poetische Sprache habe Handke dem 'Gewicht der Welt' Ausdruck verliehen", meinten der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (beide SPÖ)."Für sein unermüdliches Schaffen und sein Insistieren auf differenzierte Wahrnehmung von dem, was uns umgibt, müssen wir ihm dankbar sein."

Literaturkritiker Scheck: „Ohrfeige für politische Korrektheit"

Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck hat die Vergabe der Nobelpreise an Handke und die polnische Autorin Olga Tokarczuk sehr begrüßt. Es sei ein großer Tag für die Literatur und eine sehr mutige Entscheidung, sagte der Fernsehkritiker der dpa. Die Auswahl, bei der zwei Europäer zum Zuge kamen, sei eine überfällige Rückkehr zu ästhetischen Kriterien.

"Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten, eine Niederlage erlitten", sagte Scheck mit Blick auf Handke. Dieser sei einer der großen Provokateure - er beweise, dass man sich politisch total verlaufen und gleichzeitig Weltliteratur schreiben könne. Handke sei ein "würdiger Preisträger", so Scheck. Auch Olga Tokarczuk, die Preisträgerin 2018, hält Scheck für eine gute Wahl. Sie sei eine große, sensible Erzählerin der Migration, des Unterwegs-Seins.

Literaturnobelpreis 2018 an Olga Tokarczuk

Der Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 geht an die polnische Autorin Olga Tokarczuk. Sie gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Polens und erhält die Auszeichnung für "ihre narrative Vorstellungskraft, die, in Verbindung mit enzyklopädischer Leidenschaft, für das Überschreiten von Grenzen als eine neue Form von Leben steht", wie die Akademie mitteilte. Ihr Werk wurde bisher in 25 Sprachen übersetzt und bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Usedomer Literaturpreis und der polnischen Nike-Auszeichnung. Im Vorjahr erhielt sie den renommierten Man-Booker-Prize für ihren Roman "Unrast" sowie den Jan-Michalski-Literaturpreis für "Die Jakobsbücher". Nachdem Tokarczuk ihrem Heimatland Intoleranz gegen Flüchtlinge und Antisemitismus vorwarf, wurde sie angefeindet.

Die 1962 in Sulechow geborene Tokarczuk studierte in Warschau Psychologie, bevor sie sich verstärkt dem Schreiben widmete. Nach Abschluss ihres Studiums war Tokarczuk aber noch als Therapeutin tätig, erst Ende der 1990er nahm die Literatur einen größeren Platz in ihrem Leben ein. 1993 erschien ihr Romandebüt "Die Reise der Buchmenschen", in dem sie ihre Protagonisten in der spanisch-französischen Grenzregion des 17. Jahrhunderts nach einem mysteriösen Buch suchen lässt.

Die polnische Autorin Olga Tokarczuk.
Die polnische Autorin Olga Tokarczuk.
- APA/dpa/Pedersen

Seitdem hat sich Tokarczuk zu einer der profiliertesten Autorinnen ihres Heimatlandes gemausert, die etwa auch mehrfach mit dem Nike-Preis in Polen ausgezeichnet wurde. Der endgültige Durchbruch folgte mit ihrem dritten Roman "Ur und andere Zeiten" (1996), in dem sie sich auch mit der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzte. In den folgenden Jahren erschienen einige ihrer Werke auch in dem von Tokarczuk selbst gegründeten und geführten Verlag Ruta.

Tokarczuk: "Es kommt noch gar nicht an mich ran"

Die Preisträgerin war laut des Ständigen Sekretärs der Akademie, Mats Malm, gerade während einer Lesetour in Deutschland im Auto gesessen und habe deshalb erst einmal am Straßenrand anhalten habe müssen, um die Botschaft der Jury entgegenzunehmen.

null
-

In einem Interview unmittelbar danach zeigte sie sich fassungslos: "Es kommt noch gar nicht an mich ran", sagte sie der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza in einem Telefongespräch. Besonders freue sie sich, dass auch der von ihr sehr geschätzte Schriftsteller Peter Handke den Nobelpreis erhalten habe. "Das ist wunderbar, dass die Schwedische Akademie die Literatur aus Mitteleuropa gewürdigt hat." Auf ihrem Facebook-Profil schrieb die Autorin: "Literaturnobelpreis! Sprachlos vor Freude und Rührung."

Erstmals wurden heuer zwei Literaturnobelpreisträger bekanntgegeben. Die doppelte Auszeichnung wurde notwendig, weil sich die Akademie nach Skandalen und Austritten im Vorjahr gegen eine Preisvergabe entschieden hat. Der damit bis dato letzte Empfänger des Literaturnobelpreises war Kazuo Ishiguro im Jahr 2017. Überreicht werden die Preise am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel. (APA/TT.com)

Liveblog zur Verleihung zum Nachlesen:

Die Begründung der Jury im Wortlaut

Peter Handke wurde 1942 in einem Dorf namens Griffen geboren, das in der Region Kärnten im südlichen Österreich liegt. Es war auch der Geburtsort seiner Mutter Maria, die zur slowenischen Minderheit gehörte. Sein Vater war ein deutscher Soldat, den er nicht kennenlernen würde, bevor er selbst erwachsen war. Stattdessen wuchsen er und seine Geschwister mit der Mutter und ihrem neuen Ehemann, Bruno Handke auf. Nach einer Zeit im schwer kriegsgeschädigten Berlin kehrte die Familie nach Griffen zurück. Nach dem Abschluss der Dorfschule wurde er in einem christlichen Gymnasium in der Stadt Klagenfurt aufgenommen. Ab 1961 studierte er Jus an der Universität Graz, brach seine Studien aber einige Jahre später ab, als sein Debütroman "Die Hornissen" (1966) erschien. Es ist experimentelle "Doppelfiktion" in der der Protagonist die Fragmente eines anderen, dem Leser unbekannten, Romans erinnert. Gemeinsam mit dem Theaterstück "Publikumsbeschimpfung" (1969) - das im selben Jahr uraufgeführt wurde und dessen wichtigstes Konzept es ist, dass die Schauspieler die Besucher dafür beschimpfen, dass sie da sind - hat er der Literaturszene jedenfalls seinen Stempel aufgedrückt. Dieser Stempel schwächte sich kaum ab, nachdem er der zeitgenössischen deutschen Literatur bei einem Treffen der Gruppe 47 in Princeton, USA, bescheinigte, an "Beschreibungsimpotenz" zu leiden. Er stellte sicher, dass er sich von den Anforderungen an gemeinschaftsorientierte und politisierte Positionen fernhielt und fand seine eigene literarische Inspiration stattdessen in der Nouveau Roman-Bewegung der französischen Literatur.

Mehr als fünfzig Jahre später, nachdem er eine große Zahl von Werken in verschiedenen Genres produziert hat, hat er sich als einer der einflussreichsten Schriftsteller in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert. Seine Bibliographie enthält Romane, Essays, Notizen, Theaterstücke und Drehbücher. Seit 1990 lebt er in Chaville, südwestlich von Paris, und hat von hier aus viele produktive Reisen unternommen. Seine Werke sind erfüllt von einer starken Sehnsucht nach Entdeckungen, und diese Entdeckungen erweckt er zum Leben, indem er neue literarische Ausdrucksweisen für sie findet. Wie er sagte: "Wahrzunehmen ist alles." Mit diesem Ziel gelingt es ihm, auch die kleinsten Details in Alltagserfahrungen mit explosiver Signifikanz aufzuladen. Sein Werk ist charakterisiert von einem starken abenteuerlichen Geist, aber auch von einer nostalgischen Neigung, zunächst sichtbar Anfang der 1980er Jahre im Drama "Über die Dörfer"(1981) und besonders im Roman "Die Wiederholung" (1988), wo der Protagonist Georg Kobal zu Handkes slowenischen Ursprüngen auf der mütterlichen Seite zurückkehrt.

Motivation für diese Rückkehr zu den Ursprüngen ist das Bedürfnis, die Toten in Erinnerung zu rufen. Aber unter dem Begriff "Wiederholung" sollte man nicht die strenge Repetition verstehen. Im Roman "Die Wiederholung" wird die Erinnerung im Akt des Schreibens transformiert. Ähnlich im Traumstück "Immer noch Sturm" (2010), das ebenfalls in Slowenien spielt, wird der idealisierte Bruder von Handkes Mutter, Gregor, der im Krieg getötet wurde, als Partisan wiedererweckt, der sich im Widerstand gegen die Nazi-Beherrschung Österreichs befindet. Bei Handke muss die Vergangenheit ständig neu geschrieben werden, kann aber nicht wie bei Proust in einem puren Akt der Erinnerung erhalten werden.

Darum nimmt Handkes Werk immer in der Katastrophe seinen Anfang, wie er in "Das Gewicht der Welt" (1977) berichtet, ein Werk, das uns in die gewaltige Produktion täglicher Notizen durch die Jahre einführt. Diese Erfahrung ist eindrücklich dargestellt in dem kurzen und harschen, aber zutiefst liebevollen Buch nach dem Selbstmord seiner Mutter, "Wunschloses Unglück" (1972). Handke würde möglicherweise Maurice Maeterlinck's Worten zustimmen: "Wir sind nie intimer eins mit uns selbst als nach einer irreparablen Katastrophe. Dann scheinen wir uns wiedergefunden und einen unbekannten und essenziellen Teil eines Seins erhalten zu haben. Eine seltsame Stille tritt auf." Diese Momente finden sich in einigen von Handkes Werken und sie sind nicht selten kombiniert mit einer Epiphanie der Präsenz der Welt, etwa in "Die Stunde der wahren Empfindung" (1975).

Die besondere Kunst Handkes ist die außergewöhnliche Aufmerksamkeit für Landschaften und die materielle Präsenz der Welt, die das Kino und die Malerei zu zwei seiner wichtigsten Inspirationsquellen gemacht hat. Zugleich zeigt sein Schreiben eine unendliche Suche nach existenzieller Bedeutung. Daher ist das Wandern und Migrieren sein ureigener Aktivitätsmodus und der Weg ist der Ort für das, was er seinen "epischen Schritt" nennt. Wir sehen das in seinem ersten großen Versuch, eine Landschaft zu beschreiben, "Langsame Heimkehr" (1979), das oft als Wendepunkt in seinem Schreiben betrachtet wird. Der "epische Schritt" ist allerdings nicht an ein Genre gebunden, sondern ist auch in seinem dramatischen Werk sichtbar, wie erst kürzlich gezeigt in "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstrasse. Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten" (2015).

Oft verweist Handke auf den mittelalterlichen Schriftsteller Wolfram von Eschenbach und auf die Quest Romance als narrative Modelle, wo ein herumirrender einsamer Held auf der Suche nach dem Heiligen Gral auf die Probe gestellt wird. Das ist wundervoll dargestellt in dem jüngsten, großartigen Roman "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" (2017), wo die junge Heldin, Alexia, im Inneren der französischen Provinz Picardie herumirrt, ohne zu wissen, welches seltsame Schicksal sie erwartet. In einem anderen seiner Romane, "Der Chinese des Schmerzes" (1983) verübt der Protagonist Andreas Loser einen mörderischen, ziemlich ungeplanten Akt, der seine Lebensdauer dramatisch ändert. Die Beschreibung der Umgebung der Stadt Salzburg ist herrlich reich und präzise, während die Handlung selbst rigoros reduziert, fast nichtexistent ist.

Handke hat gesagt, "die Klassiker haben mich gerettet" und nicht zuletzt das Erbe von Goethe ist überall präsent und bezeugt Handkes Willen, zu den Sinnen und der lebendigen Erfahrung des Menschen zurückzukehren. Man kann dies nicht zuletzt in seinen Notizbüchern beobachten, etwa in dem kürzlichen "Vor der Baumschattenwand nachts: Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007-2015 (2016). Die Wichtigkeit der Klassiker ist auch sichtbar in seinen Übersetzungen aus dem Altgriechischen, Werke von Aischylos, Euripides, Sophokles. Er hat auch eine lange Liste von Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen verfasst, Werke von Emanuel Bove, Rene Char, Marguerite Duras, Julien Green, Patrick Modiano, Francis Ponge und Shakespeare.

Zugleich bleibt Handke intensiv zeitgenössisch und ein Aspekt davon ist seine Beziehung zu Franz Kafka. In derselben Schneise muss Handke gegen sein väterliches Erbe revoltieren, das in seinem Fall pervertiert war durch das Nazi-Regime. Handke hat sich stets für seine mütterliche, slowenische Linie entschieden, ein wichtiger Grund für seinen antinationalistischen Mythos seiner Abstammung vom Balkan. Obwohl er immer wieder Kontroversen ausgelöst hat, kann er nicht als engagierter Schriftsteller im Sinne Sartres betrachtet werden und er gibt uns kein politisches Programm.

Handke hat das Exil als produktiven Lebensweg gewählt, wo die Erfahrung, Schwellen und geografische Grenzen zu überschreiten, wiederkehrend auftritt. Wenn er als Autor eines Ortes betrachtet wird, sind es nicht in erster Linie die Metropolen, sondern die Vororte und die Landschaft, die seine Aufmerksamkeit erregen. Er fängt das Ungesehene ein und macht uns zum Teil davon. Das passiert speziell in einigen seiner mächtigsten Erzählungen, "Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten" (1994) oder der bereits erwähnten "Obstdiebin", die beide die Tradition von Baudelaire an umdrehen, die Paris zum mythischen Zentrum der modernen Literatur erkor. Gemeinsam mit der jungen Heldin Alexia sind wir hier zu Fuß unterwegs, weg vom ausgerufenen Zentrum in die französische Region Picardie, und die Namen der kleinen Dörfer sind plötzlich erfüllt von berauschender Schönheit. Handke unterwandert unsere Ideen von einem zentral regierten Staat und lässt uns verstehen, dass das Zentrum überall ist.