Letztes Update am Fr, 11.10.2019 09:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nobelpreis 2019

Literaturnobelpreis für Handke: Der Preis, ein ewiges Dilemma

Peter Handke schreibt seit fünf Jahrzehnten an einem Werk, das seinesgleichen sucht. Am Donnerstag erhielt der Immer-mal-wieder-Anwärter dafür den Nobelpreis für Literatur.

Ein Leser „und vielleicht sogar Schreiber von dem, was Goethe Weltliteratur genannt hat“: Peter Handke in seinem Garten in Chaville nahe Paris.

© AFPEin Leser „und vielleicht sogar Schreiber von dem, was Goethe Weltliteratur genannt hat“: Peter Handke in seinem Garten in Chaville nahe Paris.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – „Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen“, sagte Peter Handke. Die Auszeichnung bringe der Literatur nichts Gutes, „einen Moment der Aufmerksamkeit, sechs Seiten in der Zeitung“, aber für das Lesen bringe er nichts. Das ist ziemlich genau fünf Jahre her.

Und im Vorjahr schien es beinahe so, als würde Handkes Forderung Realität: Die altehrwürdige Schwedische Akademie beklagte selbstmitleidig die größte Krise ihrer Geschichte – und gelobte nach Jahren missbräuchlicher Wichtigtuerei Besserung. Die Preisvergabe 2018 wurde auf heuer verschoben. Mit Olga Tokarczuk wurde am Donnerstag eine über jeden Zweifel erhabene Nobelpreisträgerin nachgereicht.

Und dann kam Peter Handke. Für seine „außergewöhnliche Aufmerksamkeit für Landschaften und die materielle Präsenz der Welt, die Kino und Malerei zu zwei seiner größten Quellen der Inspiration werden ließen“, wurde dem 76-Jährigen der Nobelpreis für Literatur 2019 zugesprochen. Ausgerechnet Handke. Dem Immer-mal-wieder-Anwärter, der sich – so jedenfalls wurde bis gestern Mittag gern argumentiert – vor Jahren um den Preis brachte, weil er die Selbstgerechtigkeit westlicher Welterklärer beklagte, die beim Morden auf dem Balkan nur zu genau wussten, auf welcher Seite die Guten und wo die Bösen standen. Dass er auf seiner „winterlichen Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“, wo er „Gerechtigkeit für Serbien“ suchte, auch vom Weg abkam, sich bisweilen bockig vergaloppierte, steht außer Frage. Genauso außer Frage steht, dass ein Poet, wenn er sich aufs Feld des Politischen wagt, politisch attackiert wird. Dem Poeten Handke, der sich früh auch aufs Posieren und aufs Hinterfragen anderer Posen verstand, ist mit diesen Attacken freilich nicht beizukommen. Tatsächlich verstellen sie den Blick auf ein Werk, das seinesgleichen sucht. Mit seinen frühen Auftritten, der etwas verdruckst vorgetragenen Generalanklage „beschreibungsimpotenter“ Großschriftsteller in Princeton zum Beispiel, machte sich Peter Handke einen Namen. Es folgten Sehnsuchts- und Schmerzenstexte, Innerlichkeitsprosa, Journale, Versuche, Skizzen, große Romane, Traumtagebücher und Theatertriumphe. Texte, die genau gelesen werden wollen. Texte, die bisweilen Widerspruch einfordern und die widerborstig widersprechen. Kurzum: Texte, die ernst, die beim Wort genommen werden wollen. Nimmt man sie beim Wort, eröffnen sie neue, bisweilen überraschende Perspektiven. Zu wenig beispielsweise wurde Handke bislang als leiser (Selbst-)Ironiker gewürdigt, der er eben auch ist.

Der Preis, sagte Peter Handke gestern, sei eine „sehr zwiespältige Angelegenheit und ein ewiges Dilemma. Aber mir kommt vor, ich bin doch ein Leser oder vielleicht sogar ein Schreiber von dem, was Goethe Weltliteratur genannt hat. Wenn dann das Nobelkomitee so entscheidet, dann sind sie auf keinem ganz schlechten Weg, dass die Weltliteratur was bedeutet.“ Sein einstiger Ruf nach der Abschaffung des Preises jedenfalls sei ein „abgrundtiefes Gedankenspiel“ gewesen. „Es ist schon so, als ob das, was man gemacht hat, nun Licht bekommt.“

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Einer, der an-, und einer, der aufregt

Zorn findet Peter Handke besser als Wut. Zorn wecke die kreativen Geister, Wut lasse sie nur kurz aufflammen, erklärte der 76-jährige Neo-Nobelpreisträger einst in einem Interview. Handke ist streitbar. Und umstritten. Der Anruf von der Schwedischen Akademie habe ihn gestern „sehr, sehr gerührt“ – und ihn kurz zweifeln lassen. „Ist das wahr?“, fragte Handke in Richtung Stockholm. Die Suche nach Wahrheit oder – präziser – die nach Wahrhaftigkeit zeichnet Handkes Werk seit seinen Anfängen, seit seinem Romandebüt „Die Hornissen“ (1966) aus. Im selben Jahr machte die Uraufführung von „Die Publikumsbeschimpfung“ Handke zum Shootingstar des deutschen Theaters.

Geboren wurde Peter Handke 1942 in Griffen, Kärnten. Seine Mutter Maria, geborene Sivec, war Kärntner Slowenin. Dass der aus Berlin stammende Ehemann Marias sein Stiefvater war – und ein verheirateter Sparkassenangestellter sein leiblicher Vater –, das erfuhr Handke erst als 18-jähriger Maturant. Seine Auseinandersetzung mit den eigenen slowenischen Wurzeln kulminierte 2011 im Stück „Immer noch Sturm“.

In den 1970er-Jahren galt Handke als Kultschriftsteller, später als eigensinnigster Vertreter von Innerlichkeit, Sprach- und Bildkritik. Er schrieb fürs Kino, für Wim Wenders, drehte selbst zwei Filme, übersetzte antike und zeitgenössische Klassiker, regte an – und immer wieder auf. Seine proserbische Position in den Konflikten am Balkan sorgte für Kontroversen. Seine Rede bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic (2006) können ihm bis heute viele nicht nachsehen. Auch daran wurde erinnert. Als „Diktatorenfreund“ und „Genozidleugner“ wurde er gestern online bezeichnet. „Das Nobelkomitee, das so darauf bedacht war, die jüngsten Skandale hinter sich zu lassen, könnte gerade in einen neuen gestolpert sein“, kommentierte etwa die Washington Post.