Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.10.2019


Literatur

„Die Jakobsbücher“: Zwischen Erlöser und Scharlatan

In „Die Jakobsbücher“ folgt Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk einem Größenwahnsinnigen durch das Europa des 18. Jahrhunderts.

„Für ihre narrative Vorstellungskraft“ wurde Olga Tokarczuk am Donnerstag der Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 zugesprochen.

© AFP„Für ihre narrative Vorstellungskraft“ wurde Olga Tokarczuk am Donnerstag der Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 zugesprochen.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der Roman sei eine überholte Gattung, sagte Olga Tokarczuk vor etwa 15 Jahren, die Zukunft gehöre der Erzählung. Der Roman überwältige, „die Erzählung klärt auf“. Seither hat Tokarczuk, die am Donnerstag den Literaturnobelpreis für 2018 zugesprochen bekam, mehrere Romane veröffentlicht. Darunter „Unrast“ (2009), der sie auch außerhalb ihrer polnischen Heimat bekannt machte. Auch „Die Jakobsbücher“, Tokarczuks jüngstes, Anfang Oktober erschienenes Buch, ist ein Roman. Aber eben kein „handelsüblicher“. Tokarczuk komponiert den Text aus einzelnen Erzählvignetten, setzt sich über gängige Ordnungsprinzipien hinweg, schneidet, überblendet, lässt weg und füllt auf. „Die Jakobsbücher“ samt betont barockem Untertitel – „Eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet“ – liest sich wie eine Rhapsodie, wie ein Wandergesang also. Im Zentrum stehen Leben, Wirken und Wüten des jüdischen Mystikers Jakob Frank, der im 18. Jahrhundert als Erlöser durch die Lande zog, auf seinem Weg zu Gott die Konfessionen wechselte wie andere das Schuhwerk, Befreiung predigte – und den Ruf, ein Scharlatan zu sein, nie wirklich loswurde. Goethe beispielsweise führte den eine Zeitlang ziemlich bekannten Messias als Schwindler. Auf mehr als 1100 Seiten ist „Die Jakobsbücher“ eine irrwitzige, durchwegs deftige und bisweilen drastische Untersuchung von Selbstüberhöhung, eine vielstimmige Größenwahn­erforschung – und magisch-realistisch überbordende Abrechnung mit klerikaler Anmaßung und ins sprichwörtlich rechte Licht gerückten Geschichtsumdeutungen. In Polen war „Die Jakobsbücher“ ein Bestseller – und Auslöser offiziösen Zorns. Jaroslaw Kaczynski, Parteivorsitzender der regierenden PiS, nannte die Autorin eine Verräterin. Inzwischen gab Kaczynski in einem Chat mit Bürgern an, mit der Lektüre des Buches begonnen zu haben.

Erschienen ist „Die Jakobsbücher“ im noch jungen Zürcher Kampa-Verlag, der sich – schon vor dem Nobelpreis – auch die Rechte an bisherigen Werken der Autorin sicherte. „Unrast“ – im Vorjahr mit dem britischen Booker International Prize ausgezeichnet – ist bereits erschienen. Noch im Oktober folgen „Ur und andere Zeiten“ (1996), „Gesang der Fledermäuse“ (2009) und „Taghaus, Nachthaus“ (1998).

Roman Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher. Aus dem Polnischen von Lis­a Palmes und Lothaer Quinkenstein. Kampa, 1173 Seiten, 43,70 Euro.

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