Letztes Update am Sa, 12.10.2019 07:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

Nobelpreis für Peter Handke: Euphorie, aber auch Kritik

Die Verleihung des Literaturnobelpreises 2019 an Peter Handke wird außerhalb seiner österreichischen Heimat nicht überall goutiert.

Peter Handke gilt seit 50 Jahren als Literat von Weltformat. Spät, aber doch erhält er die höchste Auszeichnung seines Berufsstandes.

© AFPPeter Handke gilt seit 50 Jahren als Literat von Weltformat. Spät, aber doch erhält er die höchste Auszeichnung seines Berufsstandes.



Bielefeld, Klagenfurt, Innsbruck — Bielefeld und Klagenfurt sind Glückskinder. Die beiden Städte im Norden Deutschlands und im Süden Österreichs setzten, natürlich rein zufällig, bei ihrem Kulturprogramm am Donnerstagabend auf jene Schriftsteller, die Stunden zuvor mit dem Literaturnobelpreis geadelt worden waren.

Die Polin Olga Tokarczuk, nachträglich mit dem Nobelpreis für 2018 ausgezeichnet, rückte die Stadtbibliothek Bielefeld einen Abend lang ins Zentrum der literarischen Welt. Tokarczuks Lesung dort zog Scharen von Zuhörern an. Ein international besetzter Medientross nutzte die Chance für Interviews und Live-Einstiege. „Das ist ein sensationelles Zusammentreffen. Nobelpreisträger haben wir hier nicht so oft", schwärmte der Bibliotheksdirektor.

Im Stadttheater Klagenfurt stand die Premiere von Peter Handkes Theaterstück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" auf dem Programm. Handke, nach langen Jahren des Übergangen-Werdens, mit dem Literaturnobelpreis 2019 dekoriert, war zwar nicht persönlich anwesend. Gefeiert wurde der gebürtige Kärntner in seiner Heimat dafür von den Premierengästen. Neben einem „riesig stolzen" Landeshauptmann Peter Kaiser zeigte sich Autorin Maja Haderlap „euphorisiert". „Und das am 10. Oktober!", sprach die Kärntner Slowenin das Zusammentreffen der Bekanntgabe mit dem 10. Oktober an — dem Jahrestag der Volksabstimmung der Südkärntner über den Verbleib in Österreich: „Man muss die Geschichte neu schreiben."

Während die Presse in Österreich und Deutschland die Vergabe des Nobelpreises an Handke überwiegend wohlwollend kommentiert, gibt es andernorts ein differenzierteres Bild. Aus den USA kamen unverzüglich kritische Stimmen. Dort wird Handke dessen pro-serbische Haltung im Balkankonflikt der 1990er-Jahre vorgeworfen.

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Äußerst kritisch sind die Reaktionen aus Bosnien-Herzegowina, wo die Opferorganisation „Mütter von Srebrenica" die Schwedische Akademie aufgefordert hat, Handke die Auszeichnung zu entziehen. Die serbische Tageszeitung Novosti betonte hingegen, dass viele in Serbien den Preis für Handke als Gerechtigkeit empfinden.

Am 10. Dezember wird Peter Handke den mit 830.000 Euro dotierten Nobelpreis in Stockholm in Empfang nehmen. Seine Bücher werden bis dahin eine Renaissance erleben. Das Gesamtwerk umfasst an die 11.000 Seiten und ist 2018 bei Suhrkamp in Form einer dreiteiligen „Handke Bibliothek" erschienen. Einige Anregungen zur Lektüre umrahmen diesen Artikel. (mark)

Der frühe Verlust der Mutter

Diese biografische Erzählung von Anfang 1972 war für Generationen von Schülern der erste Kontakt mit dem Werk von Peter Handke. Ein Zusammentreffen, das man zeit seines Lebens nicht vergisst. Handke verarbeitet in „Wunschloses Unglück" den Freitod seiner Mutter Maria. Das Buch wirkt skizzenhaft, wie eine Sammlung von Schlaglichtern aus dem Leben einer Frau, deren Chancen dünn gesät waren. Als Leser hält man immer wieder inne, liest Absätze noch einmal. Weigert sich, ein solches Schicksal einfach zur Kenntnis zu nehmen. (mark)
Erzählung Peter Handke: Wunschloses Unglück. Suhrkamp TB, Neuauflage 2009, 89 Seiten; 7,20 Euro.

Szenen aus dem Leben eines Outlaws

Peter Handke hatte (und hat) ein Faible für Fußball, lange bevor es in Intellektuellenkreisen chic wurde, dem vermeintlichen Proletensport zu frönen. „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" erschien 1970. In dieser Erzählung mit Krimi-Elementen geht es auch um besagten Rasensport. Am Rande. Im Zentrum steht Monteur Josef Bloch. Der entfernt sich von seiner Arbeit, ehe er überhaupt zum Outlaw wird. Handkes nüchtern-sachlicher Erzählstil, fast ohne Emotion, kontrastiert vortrefflich mit dem dramatischen Handlungsfortgang. (mark)

Erzählung Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Suhrkamp Taschenbuch. Neuauflage 2018, 118 Seiten; 7,20 Euro.

Literaturgeschichte in mehr als 600 Facetten

„Nun scheint mir ein Gespräch über Einzelheiten erforderlich zu sein", schrieb Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld 1965 an Peter Handke — und kündigte an, dessen Debüt „Die Hornissen" zu veröffentlichen. Bis Unselds Tod 2002 wurden Einzelheiten besprochen, persönlich — und in Briefen. Mehr als 600 davon wurden 2012 veröffentlicht: ein Kapitel Literaturbetriebsgeschichte, das einen anderen Handke erahnbar macht. Einen Autor, der „seine dumme Empfindsamkeit" beklagt. Anders als Thomas Bernhard gibt es bei Handke keine Streitlust. Bei Handke ist es ein Zwang. Er kann nicht anders. Und weiß das. (jole)
Briefe P. Handke/S. Unseld: Der Briefwechsel. Suhrkamp, 700 Seiten; 41,10 Euro.

Schreibend auf Um- und Abwegen

Peter Handkes umfangreichstes Buch, sein Magnum Opus, die Fortschreibung von „Die Stunde der wahren Empfindung". Irgendwie jedenfalls — und doch ganz anders. Der Sprachskeptiker ist zum Wortschöpfer geworden. Erzählt wird von Markus Keuschnigg, einem Alter Ego Handkes, der sich beim Schrei­ben auf Um- und Abwegen verliert. Und davon, was er dort findet. „Mein Jahr in der Niemandsbucht" ist eine Aufforderung zum Hinsehen, eine Einladung zum Sich-Wundern, zum Staunen — und zum Sich-Verlieren. (jole)
Roman Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Suhrkamp Taschenbuch, Neuauflage 2007, 628 Seiten; 18,50 Euro.

Kleine Komödie im Unterholz

Der späte Handke als leiser Ironiker: Er solle jetzt bloß nicht ins „Psalmodieren" kommen, rät der pilznärrische Anwalt einem nicht minder pilznärrischen Dichter beim Streifzug durchs Unterholz. Beide sind letztlich Spiegelungen des Pilznarren Peter Handke, der im letzten Teil seiner „Versuchsreihe" Themen und Motive seines bisherigen Schreibens einer Revision unterzieht. Wie in den späten Westernfilmen von Handke-Idol John Ford, der auch diesmal Gewährsmann bleibt, kippen alle Versuche, einmal Verursachtes wieder gut und besser zu machen, ins Tragikomische. (jole)
Erzählung Peter Handke: Versuch über den Pilznarren. Suhrkamp, 216 Seiten; 19,50 Euro.