Letztes Update am Mi, 16.10.2019 14:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literaturnobelpreis

Eklat bei Besuch in Griffen: Handke bricht mit Journalisten

Auf sein proserbisches Engagement angesprochen, brach Literaturnobelpreisträger Peter Handke in seiner Heimatgemeinde gestern Abend sämtliche Interviews ab. Auch der heutige Medientermin wurde abgesagt.

Journalisten würden sich trotz Nobelpreis ohnehin nicht für seine Literatur interessieren, so Handke am Dienstagabend.

© APA/HochmuthJournalisten würden sich trotz Nobelpreis ohnehin nicht für seine Literatur interessieren, so Handke am Dienstagabend.



Griffen – In Griffen in Kärnten, der Heimatgemeinde von Peter Handke, wartete am Dienstagabend alles auf den frisch gebackenen Literaturnobelpreisträger. Geplant war ein informelles Treffen mit Gemeindevertretern, dem Bürgermeister und dem Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ).

Die Stimmung dürfte zunächst auch durchaus harmonisch gewesen sein. Am Nachmittag sei man noch zu dritt (Handke, sein Freund Valentin Hauser und Bürgermeister Josef Müller) zusammengesessen. „Es war eine wunderbare Begegnung. So friedlich habe ich Peter überhaupt noch nie erlebt“, schilderte Hauser der APA.

Als am Abend dann aber auch Journalisten vor dem Gemeindeamt auf Handke warteten, bahnte sich die Eskalation schon an. Der Nobelpreisträger hatte damit offenbar nicht gerechnet. Zunächst beantwortete der Autor noch Fragen, wie die, was ihm der Nobelpreis bedeute. Kaiser lobte den gebürtigen Griffener laut Aussendung als „literarisches Aushängeschild Kärntens“. Die Vergabe des Literaturnobelpreises habe im Ort wie eine Bombe eingeschlagen, schilderte Bürgermeister Josef Müller. Es sei „eine Stunde der Freude und eine Stunde des Stolzes“ für Griffen gewesen.

Auf die Frage, was der Preis für ihn bedeute, habe Handke mit einem Zitat von Heimito von Doderer geantwortet: „Man freut sich. Man ist losgebunden von sich selber.“

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Ein Schwenk zu der Handke-kritischen Buchpreis-Rede von Sasa Stanisic brachte Handke dann aber auf die Palme.

„Von keinem höre ich, dass er irgendetwas von mir gelesen hat“

„Ich steh vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten – und alle fragen nur wie Sie und von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendetwas von mir gelesen hat, dass er weiß, was ich geschrieben hab“, kritisierte der Autor. „Es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt, Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen“, so Handke laut dem im Ö1-„Morgenjournal“ gesendeten Mitschnitt.

Handke will „nie wieder Journalistenfragen beantworten“

Anschließend fügte er laut dem „Morgenjournal“ noch an, nie wieder Journalistenfragen beantworten zu wollen. Diese interessierten sich trotz Nobelpreis ohnehin nicht für seine Literatur.

Am heutigen Mittwoch sollte in Griffen die groß angekündigte, eigentliche Ehrung Handkes mit einem offiziellen Medientermin stattfinden. Die als „kurze Begegnung“ mit dem Autor avisierte Veranstaltung wurde von der Gemeinde in der Früh ohne Angabe von Gründen abgesagt.

Bürgermeister: „Nicht meine Aufgabe, das zu kommentieren“

„Der Termin von heute ist auf Wunsch von Peter Handke abgesagt worden“, erklärte Bürgermeister Müller am Mittwoch auf Anfrage. Handke habe diesen Wunsch geäußert, und man sei dem natürlich nachgekommen. Weiteres wollte Müller zu dem Wirbel um den Nobelpreisträger nicht sagen: „Es ist nicht meine Aufgabe, das Ganze zu kommentieren.“

Einen Ersatztermin für den heute ausgefallenen werde es jedenfalls nicht geben. (TT.com/APA)

Sasa Stanisic zu Handke: „Mich erschüttert, dass sowas prämiert wird“

Die Dankesrede des neuen Trägers des Deutschen Buchpreises, Sasa Stanisic, im Wortlaut:

„Ich trage in mir 1200 Ibuprofen. Wenn Sie mir später gratulieren, halten Sie bitte so eine Spuckdistanz weg. Schilddrüsenentzündung - nicht angenehm. Ich konnte heute die Zahnpastatube nicht aufmachen, ich musste sie aufschneiden, weil mir meine Muskeln so wehgetan haben. Ich freue mich wirklich immens über diesen Preis und hatte bis heute Morgen auch mich sehr gerne darauf konzentriert, wie sehr ich mich freuen würde, wenn ich ihn bekomme.

Es gab aber einen anderen Preis, der diese Konzentration gestört hat, und der etwas, eine kleine Spur wichtiger ist. In Schweden, in Stockholm. Und den hat nun einer bekommen, der mir diese Freude an meinem eigenen ein bisschen vermiest hat, und deswegen bitte ich sie um Nachsicht, wenn ich diese kurze Öffentlichkeit dafür nutze, mich kurz zu echauffieren. (Applaus) Über die 50 Prozent des Preises.

Ich tu‘s auch deswegen, weil ich das Glück hatte dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt. Dass ich hier heute vor ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat, und die in seinen Texte der 90er-Jahre hineinreicht. Und das ist komisch, finde ich, dass man sich die Wirklichkeit, indem man behauptet Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur noch Lüge besteht. Das soll Literatur eigentlich nicht.

In seinem Text, der über meine Heimatstadt Visegrad verfasst worden ist, beschreibt Handke unter anderem: „Milizen, die barfuß nicht die Verbrechen begangen haben können, die sie begangen haben.“ Diese Milizen und ihr Milizen-Anführer, der Milan Lukic heißt und lebenslang hinter Gittern sitzt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erwähnt er nicht. Er erwähnt die Opfer nicht. Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten. Sie sind aber geschehen. Mich erschüttert sowas, dass sowas prämiert wird. Ich stehe nicht allein mit dieser Erschütterung da, und das freut mich auch. Die katholische Kirche hat Handke schon gratuliert. Die katholische Kirche hat dem Handke gratuliert und ihm zu einer Ehrung jenseits der politischen Korrektheit gratuliert - die katholische Kirche! Passt ja eigentlich.

Ich stehe hier, um eine andere Literatur zu feiern. Ich feiere die anderen 50 Prozent. Ich feiere Olga Tokarczuk. Ich feiere eine Literatur, die alles darf und alles versucht, auch gerade im politischen Kampf mittels Sprache zu streiten. Ich feiere Literatur, die dabei aber nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet, und zwar freiwillig, Fakten, an denen scheitert. Ich feiere die anderen Autoren, ich feiere Olga Tokarczuk. Und lassen sie mich zum Schluss auch sagen, dass ich gerne auch Literatur feiere, die die Zeit beschreibt, und diese Zeit ist so, wie Handke sie im Falle von Bosnien beschreibt, nie gewesen.

Lassen Sie mich doch aber jetzt mit einer freudigen Note enden: Ich freue mich wirklich über ihre Auszeichnung. Ich danke der Jury. Ich danke meinem fantastischen Verlag, jederzeit in allen Dingen waren sie für mich da - Gesprächspartner, Freund, Ratgeber. (Es folgt die Aufzählung etlicher Namen) Vielen Dank Ihnen, den Anwesenden, viel Kraft in den nächsten Tagen! Lassen Sie sich nicht anstecken - außer von guter, verkäuflicher und unverkäuflicher Literatur.“