Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.10.2019


Literatur

Knausgard auf Frankfurter Buchmesse: Cooler Superstar, nervöser Direktor

Der Norweger Karl Ove Knausgård zieht auf der Frankfurter Buchmesse die Massen an. Der Bestsellerautor zeigt sich schlagfertig, nordisch gelassen und als Fan der Bücher von Peter Handke.

Der Bart ist ab. Karl Ove Knausgård beim Signiermarathon in Frankfurt.

© TamerlDer Bart ist ab. Karl Ove Knausgård beim Signiermarathon in Frankfurt.



Von Gerlinde Tamerl

Frankfurt – Das Gastland der Frankfurter Buchmesse ist heuer Norwegen (2020 ist Kanada an der Reihe), und damit ist klar, dass ein Schriftsteller besonders sehnsüchtig erwartet wird: Norwegens Superstar Karl Ove Knausgård. Je näher der Lesetermin mit ihm rückt, desto leerer werden die Tische im nahegelegenen Restaurant, das Gerichte anbietet wie etwa „Marinert byggsalat“, ein Gerstensalat mit roten Rüben, gewürzt mit Meerrettich. Eine norwegische Spezialität.

Schon eine Stunde vor Beginn des Gesprächs mit Knausgård füllt sich der Pavillon. Die Autoren Erling Kagge und Monica Kristensen kommen so zu einem Auftritt mit vielen Zuhörern. Sie erzählen von ihrer waghalsigen Expedition an den Südpol, wie es sich anfühlt, wenn man bei minus 57 Grad durch eine menschenleere Landschaft wandert. Wer sich die schmerzhafte Erfahrung von eingefrorenen Zähnen ersparen möchte, sollte dort am besten den Mund halten.

Kristensen, die nicht nur Polarforscherin, sondern auch Krimiautorin ist, sagt: „Bei uns in Norwegen ist es so kalt, wir suchen in allen Belangen des Lebens ständig nach Behaglichem, nach Wärme.“ Scherzhaft ergänzt sie: „Wenn wir etwa Schokolade geschenkt bekommen, dann essen wir sie sofort. Ich würde sagen, das beschreibt die norwegische Mentalität am besten.“

Das Warten auf Knausgård zieht sich in die Länge. Gelegenheit für einen Rundgang durch den Pavillon. Inmitten der Büchertische entdeckt man eine olfaktorische Installation mit dem Titel „Invisible Silence“ (Unsichtbare Stille). Darauf stehen kleine Dosen, an denen man riechen kann. Die danebenliegenden Kärtchen erklären, um welchen Geruch es sich handelt. Offenbar scheint etwas durcheinander geraten zu sein, denn es ist kaum zu glauben, dass ein Buch in Norwegen stinkt wie ein altes Paar Socken.

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Plötzlich kommt Bewegung in die Menge. Jeder versucht noch schnell einen Sitzplatz zu ergattern, viele müssen aber mit dem Boden vorliebnehmen. Buchmesse-Direktor Jürgen Boos betritt hektisch die Bühne, hinter ihm: Karl-Ove Knausgård. Kein Bart. Groß. Sehr schlank.

Der bekannteste Autor Norwegens, der mittlerweile in Schweden lebt, nimmt Platz. Boos bekundet, dass er viele Zigaretten rauchen musste, um seine Nervosität zu mildern, Knausgård dagegen strahlt stoische Ruhe aus und bleibt dem Motto seiner Eröffnungsrede treu: „Eines der wichtigsten Merkmale der Literatur ist die Langsamkeit.“

Knausgård, dessen großes autofiktionales Werk mehrere tausend Seiten umfasst, wird mit der Frage konfrontiert, wann er selbst zuletzt ein über 600 Seiten umfassendes Buch gelesen habe. Stille. Dann seine Antwort: Er habe Tolstois „Krieg und Frieden“ gelesen. Schon öfters, in verschiedenen Lebensphasen. Das Buch würde sich jedes Mal neu lesen, eine Offenbarung. Die Bücher der „Min Kamp“-Reihe, erzählt er, waren für ihn ein Experiment, das der Verlag nie realisiert hätte, wenn er ein unbeschriebenes Blatt in der Literaturszene gewesen wäre. Die Arbeit an diesem Werk sei für ihn sehr schwierig gewesen. Vier Jahre habe er an einer Schreibblockade gelitten. Er wollte den Tod seines Vaters literarisch verarbeiten, das sei ihm zunächst aber nicht gelungen. „Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Vollzeitjob und würden darin vier Jahre lang scheitern.“ Das Schreiben selbst, so Knausgård, sei für ihn nicht schwer, viel herausfordernder sei es, an den „inneren Ort“ zu gelangen, der das Schreiben erst ermögliche. Während dieser Phase wollte er das Rauchen aufgeben. Kaum habe er wieder angefangen, konnte er wieder schreiben. An Schlagfertigkeit mangelt es Knausgård nicht. Auf den Hinweis, er würde „aus einer sehr männlichen Perspektive schreiben“, entgegnet er trocken: „Ich habe gehört, ich würde schreiben wie eine Frau.“

Knausgård ist auch verlegerisch tätig und erzählt, dass es ihm immer schon ein Anliegen war, Bücher, die er liebt, ins Norwegische zu übersetzen, etwa auch von Literaturnobelpreisträger Peter Handke, der lange Jahre in Norwegen vollkommen unbekannt war. Knausgård ist auch als Kurator tätig. In Düsseldorf ist eine große Schau über den norwegischen Künstler Edvard Munch zu sehen. Dafür sichtete er über 1000 Bilder und 20.000 Skizzen: „Manche waren beeindruckend, aber andere unfassbar schlecht.“

Die Zeit ist um. Klatschen. In Sekundenschnelle ist Knausgård von einer Menschentraube umringt, aber die vielen Fans scheinen ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Er signiert Bücher, während zig Kameras auf ihn gerichtet sind und Fragen auf ihn einprasseln.